Eine Stadt und ihre Wohltäterin
Bremen in den 1820er Jahren ist eine Stadt der kurzen Wege. Man kennt sich, man spricht übereinander, und wer im Sterben liegt, wird zu Hause gepflegt — von Angehörigen, von Nachbarn, von jenen, die sich anbieten. Gesche Gottfried bietet sich immer an.
Geboren wird sie am 6. März 1785 als Margarethe Timm, Tochter eines Schneidermeisters, aufgewachsen mit einem Zwillingsbruder in einfachen Verhältnissen. Der gesellschaftliche Aufstieg gelingt ihr 1806 mit der Heirat des Sattlermeisters Johann Miltenberg. Fünf Kinder kommen zur Welt, zwei sterben kurz nach der Geburt.
Was die Stadt in den Jahren danach sieht, ist eine Frau, die das Unglück verfolgt — und die trotzdem für andere da ist. Sie wacht nachts an Krankenbetten, sie kocht, sie flößt ein. Und wenn der Kranke stirbt, trauert sie am lautesten. Der Ruf, der ihr daraus erwächst, ist ihr wirksamster Schutz: Wer als Engel gilt, wird nicht verdächtigt.
Fünfzehn Tote in fünfzehn Jahren
Die erste Tat fällt ins Jahr 1813. Nach sieben Ehejahren stirbt ihr kränkelnder Mann Johann Miltenberg. Sie hat ihm ein Gemisch aus Arsenik und Schmalz gegeben — im Volksmund „Mäusebutter“, ein damals gängiges Mittel gegen Ungeziefer. Das Töpfchen, mit dem sie tötet, hatte sie Jahre zuvor von ihrer eigenen Mutter bekommen.
Das Jahr 1815 zeigt das Ausmaß am deutlichsten. Innerhalb von knapp fünf Monaten sterben fünf Menschen aus ihrer engsten Familie: am 2. Mai die Mutter, am 10. Mai die dreijährige Tochter Johanna, am 18. Mai die sechsjährige Tochter Adelheid, am 28. Juni der Vater, am 22. September der fünfjährige Sohn Heinrich.
Bis 1827 werden es fünfzehn Tote sein — beide Ehemänner, ihre Eltern, ihre Kinder, ihr Bruder, ein Verlobter, dazu Bekannte und Gläubiger. Weitere Menschen vergiftet sie, ohne dass sie sterben.
Warum es niemandem auffiel
Aus heutiger Sicht drängt sich die Frage auf, wie eine solche Serie fünfzehn Jahre unbemerkt bleiben konnte. Die Antwort liegt weniger in ihrer Raffinesse als in den Verhältnissen der Zeit.
Arsen ist für diesen Zweck fast ideal: geschmacksarm, gut löslich, über Wochen in kleinen Mengen zu verabreichen. Die Symptome — Erbrechen, Krämpfe, tagelanges Siechtum — passen zu einem Dutzend verbreiteter Krankheiten. Es gibt keinen Tatzeitpunkt, keinen Lärm, keinen Zeugen. Es gibt nur eine Krankheit, die sich hinzieht, und eine Pflegerin, die dabei ist.
Vor allem aber fehlt jedes Verfahren, das Todesfälle über Haushalte hinweg zusammenführt. Jeder Sterbefall wird für sich betrachtet, von wechselnden Ärzten, meist ohne Obduktion. Die Häufung sieht nur, wer alle Fälle nebeneinanderlegt — und dafür ist niemand zuständig. In einer Zeit hoher Kindersterblichkeit fällt selbst der Tod dreier eigener Kinder nicht aus dem Rahmen.
Das Pulver auf dem Teller
1824 zieht Gesche Gottfried in die Pelzerstraße 37, diesmal als Haushaltshilfe bei der Familie Rumpf. Der Hausherr Johann Christoph Rumpff erkrankt, wie andere vor ihm. Aber er bemerkt etwas: weiße Körner auf seinem Essen.
Statt sie wegzuwischen, bringt er die Probe zum Apotheker Dr. Luce. Dieser weist Arsen nach und verständigt die Behörden. Am 6. März 1828 — ihrem 43. Geburtstag — wird sie verhaftet.
Was den Fall kippt, ist also keine geniale Ermittlung, sondern eine schlichte Kette: ein Verdacht, eine chemische Probe, dann die Frage, wer Zugang zur Küche hatte. Fünfzehn Jahre lang hatte genau ein Glied gefehlt — jemand, der etwas bemerkt und es nicht wegerklärt.
Das Geständnis
Nach anfänglichem Zögern legt Gesche Gottfried ein umfassendes Geständnis ab und räumt ein, über fünfzehn Jahre hinweg mindestens fünfzehn Menschen getötet zu haben.
Nach dem Motiv gefragt, bleibt keine Antwort, die trägt. Geld erklärt einen Teil, aber nicht alles: Manche Opfer hatten nichts zu vererben, und der Tod der eigenen kleinen Kinder brachte ihr keinen Vorteil. Was bleibt, ist das Muster — sie vergiftete Menschen und pflegte sie anschließend. Die Aufmerksamkeit, die ihr als aufopferungsvoller Pflegerin und Trauernder zufiel, gehört bis heute zu den Erklärungen, die diskutiert werden.
Am 17. September 1830 ergeht das Urteil: Tod durch das Schwert. Am 6. April 1831 wird es bestätigt.
Der 21. April 1831
Die Hinrichtung findet öffentlich auf dem Bremer Domshof statt. Rund 35.000 Menschen kommen; manche verbringen die Nacht zuvor auf dem Platz, um dabei zu sein.
Es ist die letzte öffentliche Hinrichtung in der Geschichte der Stadt. Das ist kein Zufall dieses einen Falls, sondern Teil einer größeren Entwicklung: Im Lauf des 19. Jahrhunderts verschwindet die Hinrichtung als öffentliches Schauspiel aus den deutschen Städten und wird hinter Gefängnismauern verlegt — weg von dem Publikum, das hier noch einmal in voller Zahl erschienen war.
Der Stein, der bis heute stört
Im Pflaster des Domshofs liegt ein unscheinbarer Basaltstein mit eingraviertem Kreuz, achtzehn Meter gegenüber dem Brautportal an der Nordseite des Doms. Er markiert die Stelle, an der sie starb. Bremen nennt ihn den Spuckstein — nach dem Brauch, im Vorbeigehen darauf zu spucken.
Fast zwei Jahrhunderte lang galt das als Bremer Eigenart, die man Besuchern erklärt. Inzwischen ist daraus eine Auseinandersetzung geworden: Es gibt Initiativen, den Stein zu entfernen, und Menschen legen Blumen darauf mit der Bitte, das Spucken zu lassen. Dahinter steht die Frage, ob eine Stadt eine Hingerichtete auf Dauer verächtlich machen sollte — auch eine, die fünfzehn Menschen getötet hat.
Damit ist Gesche Gottfried mehr als ein Kriminalfall. Sie ist der Punkt, an dem eine Stadt beschlossen hat, sich zu erinnern — und bis heute darüber streitet, wie.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 001 auf Ebene I. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht mit dem Namen der Täterin.
Quellen 7
- Bremer Frauenmuseum: Gottfried, Gesche (1785–1831) — Link
- gesche-gottfried.de — Biografie — Link
- Nordwest-Zeitung: 35.000 kamen zu ihrer Hinrichtung — Link
- Radio Bremen / buten un binnen: Bremer Spurensuche — Link
- bremen.de: Der Spuckstein — Link
- Weser-Kurier: Initiative zur Entfernung des Spucksteins — Link
- taz: „Spuckstein“ in Bremen — Respekt für alle — Link