Wahre Fälle

Deutsche Kriminalgeschichte, 1820 bis 1950 — recherchiert und belegt

Das Archiv, ausführlich

Zu 99 der 99 Akten gibt es die ausführliche Geschichte: was wirklich geschah, wie ermittelt wurde und was davon geblieben ist. Nach und nach kommen weitere dazu.

Akte 001 Der Engel von Bremen Bremen · 1828 Fünfzehn Jahre lang pflegte Gesche Gottfried die Sterbenden in ihrem Umfeld — und Bremen nannte sie einen Engel. Bis ein Hausbesitzer ein weißes Pulver auf seinem Teller bemerkte. Akte 002 Die Räuber vom Donaumoos Donaumoos, Oberbayern · 1873 Zwei Jahre lang hielten Ferdinand Gump und Eduard Gänswürger Oberbayern in Atem. Ihr Ende kam nicht durch die Polizei — sondern an einem Flussufer, durch die Hand des eigenen Komplizen. Akte 003 Der Würger von München München · 1896 Drei Frauen, erdrosselt in einer Münchner Wohnung. Verurteilt wurde ein Maurer, der das Haus kannte — auf Indizien, ohne Geständnis. Er beteuerte seine Unschuld bis zu seinem Tod, 29 Jahre später. Akte 004 Der Räuber Kneißl Dachauer Land, Oberbayern · 1901 Ein Müllersohn aus dem Dachauer Land, der als Wilderer anfing und als meistgesuchter Mann Bayerns endete. Sechzig Gendarmen brauchte es, um ihn zu stellen — und ein ganzer Landstrich hielt zu ihm. Akte 005 Die Lilie auf dem Felde München · 1919 Ein Sechzehnjähriger erschoss 1919 in München seine Eltern und blieb drei Wochen in der Wohnung neben den Toten. Ein junger Bertolt Brecht machte daraus eine Ballade — und veränderte dabei die Tat. Akte 006 Die Bank der frommen Wirtin München · 1872 Eine erfolglose Schauspielerin versprach Zinsen, die kein Geschäft erwirtschaften kann — und zog Zehntausende an. Ihr Schneeballsystem lief ein halbes Jahrhundert vor Charles Ponzi und ruinierte ganze Dörfer. Akte 007 Der Hauptmann von Köpenick Berlin-Köpenick · 1906 Ein vorbestrafter Schuster kaufte eine gebrauchte Uniform, sammelte auf der Straße zehn Soldaten ein und besetzte damit ein Rathaus. Niemand fragte nach einem Befehl — die Uniform genügte. Akte 008 Die Knochen in der Leine Hannover · 1924 Spielende Kinder fanden 1924 einen Schädel in der Leine. Was folgte, war nicht nur der Fall eines Serienmörders, sondern die Offenlegung einer Polizei, die jahrelang weggesehen hatte. Akte 009 Das Gästebuch des Herrn Denke Münsterberg, Schlesien · 1924 Einundzwanzig Jahre lang verschwanden in einer schlesischen Kleinstadt Wanderer und Hausierer, ohne dass jemand nachfragte. Erst als ein Opfer entkam und zur Polizei ging, fiel es auf. Akte 010 Die Kammer am Schlesischen Bahnhof Berlin · 1921 Drei Jahre lang fand man rund um den Schlesischen Bahnhof die Überreste von Frauen. Gefasst wurde der Täter nicht durch Ermittlungen, sondern weil Nachbarn Schreie hörten. Akte 011 Die Stadt in Angst Düsseldorf · 1929 Über ein Jahr lang lebte Düsseldorf in Angst. Gefasst wurde der Täter nicht durch die größte Fahndung der Weimarer Republik, sondern durch einen Brief, der beim falschen Empfänger landete. Akte 012 Der Fall Woyzeck Leipzig · 1821 Ein Leipziger Friseur ersticht 1821 seine Geliebte. Aus der Frage, ob er für die Tat verantwortlich war, entstand die deutsche forensische Psychiatrie — und später Büchners Drama. Akte 013 Der falsche Tote im Zwielicht bei Halle an der Saale · 1858 Ein Holzhändler ließ 1858 einen Nebenbuhler erschießen. Im Zwielicht traf der Schütze den Falschen — einen Siebzehnjährigen. Aus diesem Irrtum wurde der berühmteste Anstiftungsfall der deutschen Rechtsgeschichte. Akte 014 Der Schuss in der Kurstadt Baden-Baden · 1906 Ein Schuss auf der Promenade von Baden-Baden, ein Schwiegersohn als Angeklagter, ein Todesurteil ohne Geständnis und ohne Tatzeugen. Der Fall spaltete das Kaiserreich — und gilt bis heute als ungeklärt. Akte 015 Der Fürst, der keiner war Berlin / Paris · 1900 Er brauchte keinen Dietrich. Eine hochgezogene Augenbraue im Hotelflur genügte, damit ihn niemand aufhielt. Georges Manolescu bestahl als „Fürst Lahovary“ die Grandhotels Europas — und wurde zur Vorlage für Felix Krull. Akte 016 Das Feuer von Rastenburg Rastenburg, Ostpreußen · 1930 Ein Möbelhaus in Ostpreußen brennt, im Büro liegt eine verkohlte Leiche. Alle halten sie für den Inhaber. Tatsächlich ist der längst unterwegs — und der Tote ist ein junger Mann, den er umgebracht hat. Akte 017 Die Briefe der Freundinnen Berlin · 1922 Zwei Frauen, ein vergifteter Ehemann und ein Stapel Briefe, der alles verriet. Der Prozess wurde zum Skandal der Weimarer Republik — und Alfred Döblin machte daraus ein bis heute gelesenes Buch. Akte 018 Der Räuber vom Bayerischen Wald Bayerischer Wald · 1853 Zehn Jahre lebte Michael Heigl im Bayerischen Wald außerhalb des Gesetzes, gedeckt von einer Bevölkerung, die ihn schützte. Gefasst wurde er nicht von der Gendarmerie, sondern durch Verrat aus den eigenen Reihen. Akte 019 Der falsche Prinz Erfurt / Heidelberg · 1926 Ein arbeitsloser junger Mann checkt 1926 in einem Erfurter Hotel ein. Kurz darauf hält ihn die halbe Stadt für den Enkel des Kaisers — und er muss dafür fast nichts tun. Akte 020 Der Tunnel zum Tresor Berlin · 1929 Im Januar 1929 gruben zwei Brüder wochenlang einen Tunnel in den Tresorraum einer Berliner Bank und räumten 179 von 181 Schließfächern aus. Beweisen konnte man ihnen zunächst nichts — die Beute ist bis heute verschwunden. Akte 021 Der Lehrer, der Winnetou erfand Sachsen · 1865 Eine geliehene Taschenuhr, mit über die Weihnachtsferien genommen, kostete einen jungen Lehrer seine Zulassung. Was folgte, waren Jahre in Arbeitshaus und Zuchthaus — und danach die meistgelesenen Abenteuerromane Deutschlands. Akte 022 Der Überlebende von der Marsch Wilstermarsch, Schleswig-Holstein · 1866 In einer Augustnacht 1866 starben auf einem Hof in der Wilstermarsch acht Menschen. Der einzige Überlebende berichtete von einem Überfall — und war der Täter. Akte 023 Das Fass auf der Mosel Bremerhaven · 1875 Ein Fass mit doppelter Wand, ein Uhrwerk und 650 Kilogramm Dynamit. Das Auswandererschiff sollte mitten im Atlantik sinken — die Bombe ging am 11. Dezember 1875 an der Pier von Bremerhaven hoch. 83 Menschen starben. Akte 024 Die Erhängte am Webstuhl Fürstentum Reuß, Thüringen · 1861 Eine geschiedene Hefehändlerin tötete 1861 die Frau ihres Geliebten. Drei Jahre später starb sie unter freiem Himmel vor Publikum — als letzter Mensch, der in Deutschland öffentlich hingerichtet wurde. Akte 025 Das Dorf, das schwieg Matzdorf, Mecklenburg-Strelitz · 1839 1839 erschlugen die Leute eines mecklenburgischen Guts ihren Gutsherrn. Weil praktisch alle zuschlugen, ließ sich niemandem der tödliche Schlag zuordnen — aus dem Fall wurde eine Sage. Akte 026 Die Villa am Kalkwerk Haiger, Hessen · 1924 Acht Tote in einem Haus, ein schwer verletzter Überlebender und die Geschichte von einem Überfall. Die Verletzungen des einzigen Zeugen verrieten ihn — der Fall wurde zum Lehrstück der frühen Tatortarbeit. Akte 027 Der Brief aus Washington Bönnigheim, Württemberg · 1835 / 1872 1835 wurde der Schultheiß von Bönnigheim von hinten erschossen. Aufgeklärt wurde der Fall 37 Jahre später — durch einen Brief aus Amerika. Der Täter war da längst tot, gefallen im US-Bürgerkrieg. Akte 028 Die Brüder aus dem Revier Ruhrgebiet / Köln · 1927/28 Zwei Bergmannssöhne aus Gelsenkirchen zogen 1927 und 1928 mit gestohlenen Autos durch halb Deutschland. Ihre Ausweise holten sie sich beim Polizeipräsidium München — aus dem Passamt. Akte 029 Zwölf Jahre Joseph Mainz · 1919–1931 Zwölf Jahre lang arbeitete in Mainz ein Mann namens Joseph Einsmann, sang in zwei Kirchenchören und galt als Familienvater. Aufgeflogen ist der Fall durch einen Arbeitsunfall — und eine Behörde, die zwei Menschen gleichen Namens fand. Akte 030 Der Schrecken von Brandenburg Brandenburg an der Oder · 1905 / 1913 Acht Jahre lang brannten in Brandenburg Gehöfte, und immer wieder starben Menschen. Gesucht wurde ein Phantom — gefunden wurde ein Knecht, der unter falschem Namen auf einem Hof arbeitete. Akte 031 Hennig ist überall Berlin · 1905/06 Ein arbeitsloser Kellner zahlte 1905 eine Kaution für eine Stelle, die es nie gab, und wurde dafür erschossen. Die Flucht des Täters über die Berliner Dächer wurde verfilmt — und führte zur Einführung der Filmzensur in Deutschland. Akte 032 Der Sack Rüben Meinkot, Kreis Helmstedt · 1884 An einem Oktobermorgen 1884 lag auf einem Feld bei Meinkot ein erschlagener Steinbrucharbeiter, daneben ein Sack Rüben. Überführt wurden die Täter durch eine Axt, die jemand zufällig im Bach fand. Akte 033 Der falsche Zug Leiferde, Niedersachsen · 1926 Zwei junge Wandermusiker wollten 1926 einen Bahnpostwagen ausrauben und beschädigten dafür das Gleis. Es kam der falsche Zug — 21 Menschen starben. Ihr Gnadengesuch unterschrieben Albert Einstein, Max Liebermann und Otto Dix. Akte 034 Das Wanderbuch vor den Toren Berlins · 1836 1836 erschlug ein Handwerksbursche einen schlafenden Bäckergesellen am Straßengraben. Überführt hat ihn das Papier, das er dem Toten abgenommen hatte — dessen Wanderbuch. Akte 035 Der Pfarrer und die Bücher Raum Wittenberg, Sachsen · 1812–1823 Ein Pfarrer sammelte Bücher — so viele, dass die Sammlung zu den größten privaten ihrer Zeit gehörte. Nach zehn Jahren Indizienprozess wurde er 1823 verurteilt, zwei Menschen getötet zu haben, um sie zu bezahlen. Er bestritt es bis zu seinem Tod. Akte 036 Der Weg vom Viehmarkt bei Backnang, Württemberg · 1847 Ein zwanzigjähriger Metzgergeselle sah einen Viehhändler mit Ochsen zum Markt ziehen und wartete auf dessen Rückweg. Für 327 Gulden erstach er ihn — und starb dafür vor 8.000 Zuschauern. Akte 037 Das Perpetuum mobile Stuttgart · 1844 Ihr Mann verbaute ihr gesamtes Vermögen in eine Maschine, die es nicht geben kann. Scheiden lassen konnte sie sich nicht — das Recht sah es praktisch nicht vor. 1845 wurde Christiane Ruthardt hingerichtet. Akte 038 Sechshundert Prozent Berlin · 1921 Sechshundert Prozent Zinsen im Jahr, ohne Verlustrisiko — so warb Max Klante 1921. 260.000 Menschen gaben ihm ihr Geld. Der Schaden: 90 Millionen Goldmark. Akte 039 Der Alchemist von München München · 1931 Ein Münchner behauptete in den 1920er Jahren, Gold herstellen zu können — und fand Geldgeber bis hinauf zu General Ludendorff. Selbst eine überwachte Probe in der Alten Münze schien zu gelingen. Akte 040 Der Lord von Barmbeck Hamburg · 1904–1927 Er führte eine Einbrecherbande wie einen Betrieb — mit Anwälten für Verhaftete und Unterstützung für deren Familien. Als er auspackte, ergingen rund 3.000 Haftbefehle. Akte 041 Die Braut von Freiberg Chemnitz / Freiberg, Sachsen · 1907 Am Tag vor der Hochzeit starb der Bräutigam in seiner Chemnitzer Wohnung. Neben ihm lagen ein Abschiedsbrief und ein Testament — beide gefälscht von der Braut. Akte 042 Der Kameradenmord auf dem Witthoh Witthoh bei Tuttlingen, Württemberg · 1862 Italienische Bahnarbeiter machten sich im Winter 1861 auf den Heimweg. Einer von ihnen hatte gespart und den anderen Geld geliehen. Er kam nicht an. Akte 043 Der Flammentod der Gräfin Darmstadt · 1847 1847 fand man in Darmstadt eine Gräfin verbrannt in ihrem Zimmer. Die Erklärung stand in medizinischen Lehrbüchern: Selbstentzündung. Justus von Liebig bewies, dass es die nicht gibt. Akte 044 Die Bürgermeistermorde bei Heidelberg / Neckargemünd · 1921 1921 wurden zwei Bürgermeister aus Herford im Wald bei Heidelberg erschossen. Ganz Deutschland vermutete ein politisches Attentat. Überführt wurde ein 23-jähriger Schmied — mit Fingerabdrücken, Blutprobe und Pflanzenresten. Akte 045 Die Leiche im Koffer Bad Wildungen / Kassel · 1906 Ende April 1906 stand in Frankfurt ein bahnlagernder Koffer aus Bad Wildungen. Nach einigen Tagen roch er. Darin lag eine 76-jährige Frau — und ihr Lebensgefährte hatte neun Monate neben dem Koffer gewohnt. Akte 046 Das Alibi im Wirtshaus Konzell / Mitterfels, Niederbayern · 1844 Am Martinitag 1844 saß der Konzeller Mesner im Wirtshaus, während zu Hause seine schwangere Frau erdrosselt wurde. Genau darin lag der Plan — und genau deshalb starb am Ende er und nicht der Mann, der zugriff. Akte 047 Der Bischof und das Kartenspiel Frauenburg, Ostpreußen · 1841 Am 3. Januar 1841 wurden in Frauenburg der 78-jährige Bischof von Ermland und seine Haushälterin erschlagen. Der Täter ging danach Karten spielen — und wurde durch die Beute überführt. Akte 048 Der Mann auf zwei Opferlisten Jüterbog · 1931 Er sprengte Gleise und meldete sich anschließend als geschädigter Fahrgast, um Entschädigung zu fordern. Auffällig wurde er erst, als derselbe Name auf den Opferlisten zweier verschiedener Anschläge auftauchte. Akte 049 Die letzte Hinrichtung des Westens Nagold / Tübingen · 1948 Ein Lkw-Fahrer nahm 1948 einen Mann mit. Der erschoss ihn und montierte die neuen Reifen ab, um sie auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Drei Monate nach seiner Hinrichtung schaffte das Grundgesetz die Todesstrafe ab. Akte 050 Der Junge vom Alexanderplatz Berlin · 1948/49 Ein Sechzehnjähriger vom Schwarzmarkt am Alexanderplatz wollte leben wie Al Capone. Seine Bande nutzte das geteilte Berlin als Fluchtmaschine — ein Verbrechen in einem Sektor, die Flucht in den nächsten. Akte 051 Der Doppelmord in der Schankstube Braunschweig · 1873 1873 wurden in Braunschweig ein Gastwirt und seine Frau in ihrem eigenen Lokal erschlagen. Der Täter war kein Fremder, sondern jemand, den man im Haus kannte. Akte 052 Der falsche Mörder Elberfeld · 1883 Ein Barbier wurde 1884 für den Mord an seiner Frau verurteilt. Drei Jahre später gestand ein anderer die Tat. Albert Ziethen kam trotzdem nie frei und starb im Gefängnis. Akte 053 Das Gift in den Knochen Frankfurt am Main · 1913 Über Jahre vergiftete Karl Hopf seine eigenen Angehörigen. Überführt wurde er, weil ein Frankfurter Chemiker als Erster Gift in den Knochen längst Begrabener nachweisen konnte — und sogar in der Asche einer Eingeäscherten. Akte 054 Der Räuber am Ausflugssee Falkensee / Spandau · 1917–1919 Zwei Jahre lang war der Wald am Falkenhagener See für Berliner Ausflügler gefährlich. Verraten hat den Täter am Ende ein Forstaufseher, der zurückschoss — und eine Schrotladung, die ein Arzt behandeln musste. Akte 055 Die Flucht über den Ozean Berlin · 1897 1897 verschwanden in Berlin zwei Frauen aus ihrem eigenen Haus. Der Täter setzte sich nach Brasilien ab — und wurde zwei Jahre später von dort zurückgeholt. Akte 056 Der Lohnraub am Zahltag Erkenschwick, Westfalen · 1920 Am 24. August 1920 überfielen fünf maskierte Männer bei Erkenschwick die Lohngeldkutsche einer Zeche. Drei der vier Insassen starben. Der vierte überlebte, weil er sich tot stellte. Akte 057 Der Einarmige der Eifel Eifel · 1918/19 Ein einarmiger Mann erschoss zwischen 1918 und 1919 in den Eifelwäldern fünf Menschen — allesamt Leute, die ihn kannten. Gefasst wurde er drei Jahre später nicht von der Polizei, sondern von Durchreisenden. Akte 058 Der Goldmacher von Hilden Hilden · 1920er Ein Lehrling aus einer Hildener Farbenfabrik behauptete, Gold herstellen zu können. Vor Gericht kam er 1922 mit einem psychiatrischen Gutachten davon — und täuschte später sogar Heinrich Himmler. Akte 059 Der lange Schatten eines Geheimnisses St. Vith / Gerolstein / Trier · 1908–1910 Ein Mühlenbesitzer wurde jahrelang erpresst, weil er homosexuell war — und konnte sich nicht wehren, ohne sich selbst strafbar zu machen. Ob sein Tod 1908 Mord oder Selbsttötung war, ist bis heute umstritten. Akte 060 Der brennende Wagen bei Regensburg / Leipzig · 1929 1929 brannte bei Regensburg ein Auto aus, am Steuer eine verkohlte Leiche. In Leipzig wurde der Fahrer beerdigt. Er lebte — und hatte vorher per Zeitungsanzeige jemanden gesucht, der ihm ähnlich sah. Akte 061 Der Mann ohne Geständnis Nürnberg · 1820 Man fand bei ihm die Beute und die Tatwaffe. Trotzdem durfte Johann Paul Forster nicht hingerichtet werden — weil er nie gestand und das bayerische Gesetz von 1813 ohne Geständnis kein Todesurteil zuließ. Akte 062 Sieben Hiebe München · 1854 Bei der Hinrichtung eines Neunzehnjährigen brauchte der Münchner Scharfrichter 1854 sieben Schwerthiebe. Die Menge wollte ihn lynchen — und Bayern schaffte die Guillotine an. Akte 063 Der bittere Löffel Bruchsal, Baden · 1856/57 Eine 41-jährige Mutter von sechs Kindern gestand, einen 73-Jährigen mit Arsen im Brei getötet zu haben. Am 26. Januar 1857 starb sie als erster Mensch unter der neu angeschafften badischen Guillotine. Akte 064 Das letzte Schauspiel München / Oberbayern · 1861 Am 9. November 1861 wurde in München zum letzten Mal öffentlich hingerichtet. Der Andrang war gewaltig — und genau das gab den Ausschlag, die Praxis zu beenden. Akte 065 Das Spiel der feinen Herren Oldenburg · 1903–1905 Ein Justizminister spielte mit Honoratioren um hohe Summen und ruinierte junge Leute. Als eine Zeitung darüber schrieb, verklagte er sie — und gewann. Der Fall wurde zum Justizskandal des Kaiserreichs. Akte 066 Der Blick im Café Wälder um Berlin / Potsdam · 1946–1948 Zwischen 1946 und 1948 überfiel Willi Kimmritz Frauen, die auf Hamsterfahrt in die Wälder um Berlin gingen. Die größte Fahndung der Nachkriegszeit fand ihn nicht — eine Frau erkannte ihn wieder. Akte 067 Schwarz auf Weiß Raum Magdeburg · 1890–1893 Eine gräfliche Familie suchte per Zeitungsanzeige eine Reisebegleiterin — guter Lohn, gute Verpflegung. Die Familie gab es nicht. Wer sich meldete, wurde in den Wald geführt. Akte 068 Der Mann unter der Erde Neumark / Küstrin · 1850er–1864 Jahrelang lebte Karl Friedrich Masch in selbstgegrabenen Höhlen in den Wäldern der Neumark. Seine Bilanz: zwölf Morde, rund zwanzig Mordversuche und etwa dreihundert Diebstähle. Akte 069 Der Tote im Handelshaus Leipzig · 1865/66 Ein angesehener Leipziger Kaufmann liegt erschlagen im eigenen Kontor, die Kasse ist leer. Ein Achtundzwanzigjähriger wird dafür hingerichtet. Bis zum letzten Augenblick sagt er, er sei es nicht gewesen. Akte 070 Die Haushälterin Nöbdenitz bei Schmölln, Thüringen · 1859/60 Der Drechslermeister stirbt an einer Lebensmittelvergiftung, sagt der Arzt. Der Fall wäre erledigt gewesen — wenn die Haushälterin den Trauergästen nicht noch etwas für den Heimweg mitgegeben hätte. Akte 071 Der erste Tag im Mai Berlin · 1931 Ein arbeitsloser Maurer bestellt sich ein Opfer per Postanweisung. Zwei Jahre später wird er der erste Mensch sein, den das NS-Regime hinrichtet — und in seinem Fall entscheidet sich, ob in Preußen wieder gestorben wird. Akte 072 Der Kunde ohne Namen Berlin / Ferch bei Potsdam · 1931 Ein Fahrgast steigt in Berlin ein und lässt sich hinausfahren. Der Fahrer kommt nicht zurück. Zwei Jahre später wird der Fahrgast acht Minuten nach Ernst Reins auf demselben Hof enthauptet. Akte 073 Die Invalidenstraße Berlin, Invalidenstraße · 1887/1891 Ein Nachtwächter wird 1887 erschlagen an einem Baum im Invalidenpark gefunden. Dreizehn Jahre später streitet der Reichstag über Schaufenster, Theaterstücke und die Venus von Milo — und alles trägt den Namen des Angeklagten. Akte 074 Einen Monat zu früh Köln · 1948/49 Sechzehn Tage nach ihrem vierfachen Todesurteil trat das Grundgesetz in Kraft und schaffte die Todesstrafe ab. Irmgard Swinka wurde 76 Jahre alt. Akte 075 Wer hinüber will Zorge, Südharz · 1946/47 Zwischen den Zonen lag ein Streifen Land, in dem keine Polizei zuständig war. Wer hinüber wollte, brauchte einen Führer. Dass die Morde aufgeklärt wurden, verdankt sich keiner Ermittlung, sondern der Eitelkeit des Täters. Akte 076 Die Nacht von Grone Grone bei Göttingen · 1827/28 Ein Sohn erschlägt Vater und Schwester im Schlaf. Die schwer verletzte Mutter überlebt und nennt seinen Namen. Ein Jahr später wird in Göttingen das Rad aufgestellt — nach einem Gesetz aus dem Jahr 1532. Akte 077 Die Affäre von Allenstein Allenstein, Ostpreußen · 1907 Ein Hauptmann erschießt einen Major im Offizierscasino und gesteht. Dann bringt er sich um. Vor Gericht steht danach die Witwe — und der einzige Zeuge ist tot. Akte 078 Der Plan am Gleisbett bei Schneidemühl, Posen-Westpreußen · 1919/20 Drei Männer schrauben nachts die Schienenbefestigungen los, um einen Güterzug zu plündern. Der Güterzug entgleist. Was dann kommt, haben sie nicht in der Hand — und es ist ein Schnellzug. Akte 079 Der Hinterhalt im Hertogenwald Hertogenwald bei Eupen, Rheinprovinz · 1900 Zwei Wilderer legen sich im Grenzwald auf die Lauer und erschießen einen Förster — nicht aus Streit, sondern weil Förster für sie Feinde waren. Vor Gericht kann der Schütze der Witwe nicht in die Augen sehen. Akte 080 Verschmähte Liebe in Würzburg Würzburg, Franken · 1823 Er schrieb erst auf, warum er es tun würde. Dann nahm er zwei geladene Pistolen und einen Dolch mit ins Wirtshaus und suchte die Frau, die ihn verlassen hatte. Akte 081 Die Magd und der Meister Heidingsfeld / Würzburg, Franken · 1834/35 Die Magd erstach die schwangere Ehefrau ihres Dienstherrn, um deren Platz einzunehmen. Sie wurde enthauptet. Der Mann, der die Tat nach ihrer Aussage angeregt hatte, bekam fünf Jahre. Akte 082 Der Giftpakt von Memmingen Dickenreishausen / Memmingen, Schwaben · 1833 Zwei Menschen verabreden, sich gegenseitig ihrer Ehepartner zu entledigen. Eine Scheidung hätte zehn Jahre gedauert. Das Gift wirkte über Nacht. Akte 083 Der Geselle auf der Landstraße Hainichen, Sachsen · 1891 Von diesem Fall ist fast nichts übrig: zwei Namen, ein Beruf, ein Motiv, ein Datum. Was fehlt, sagt mehr über das Erinnern als über das Verbrechen. Akte 084 Blut im Abteil Altona / Blankenese, Hamburg · 1906/07 Fünfzehn Minuten Fahrzeit, ein Abteil ohne Durchgang, zwei Menschen darin. Danach fuhren auf dieser Strecke nur noch Wagen, durch die man gehen konnte. Akte 085 Der Tee der Gräfin München / Wien · 1867/68 In Österreich war eine katholische Ehe unauflöslich. Nicht schwer zu scheiden — unauflöslich. Wer neu heiraten wollte, brauchte einen Todesfall. Akte 086 Der letzte Vorhang Stuttgart, Württemberg · 1910 Sie hatte die Beziehung ein Jahr zuvor beendet. Er verschaffte sich gewaltsam Zutritt zu ihrer Wohnung. Erinnert wird der Fall bis heute unter dem Namen ihrer Bühnenrolle. Akte 087 Das Haus des Oberstleutnants Mönchengladbach, Rheinland · 1905/06 Er nahm ein Ehepaar ins Haus, um nicht allein zu sein. Der Bruder des Mannes schlug vor, ihn umzubringen. Weil die Apotheken kein Gift ohne Schein herausgaben, wurde es ein Hammer. Akte 088 Der Zauberer vom Teufelssee Teufelssee bei Potsdam / Berlin · 1900 Er verkaufte ihr Lotteriezauber, Liebeszauber und Schutzzauber. Als sie misstrauisch wurde, führte er sie in den Wald und gab ihr ein Pulver, das sie in einen tiefen Schlaf versetzen sollte. Akte 089 Der Abdruck am Tatort Frankfurt am Main · 1904 Der eine gestand. Der andere bestritt alles. Ihn überführte ein blutiger Fingerabdruck am Kragen des Toten — der erste Fall dieser Art in Deutschland. Akte 090 Das Blumenmedium Berlin · 1902/03 Sie ließ Blumen und Apfelsinen aus der Geisterwelt erscheinen. Der Prozess sollte ein großer Schlag gegen den Spiritismus werden — und wurde, wie ihr Verteidiger richtig voraussagte, seine größte Reklame. Akte 091 Die letzten am Mühlburger Tor Karlsruhe / Rüppurr, Baden · 1827 / 1829 Sie erschlugen einen Melker für das, was er bei sich trug. Am 27. März 1829 wurden sie vor dem Mühlburger Tor enthauptet — die letzte öffentliche Hinrichtung, die Karlsruhe gesehen hat. Akte 092 Die Schreiber von der Mohrenstraße Berlin · 1896 Sie hatten in der Zeitung gelesen, dass in dieser Wohnung Geld liegen müsse. Beide waren sechzehn. Der Mann, den sie erstachen, hatte den Kommentar geschrieben, nach dem deutsche Gerichte arbeiteten. Akte 093 Die Anstifterin von Altenburg Altenburg, Thüringen · 1902 Am 28. August 1902 wurden in Altenburg drei Menschen für einen einzigen Mord enthauptet — einer, weil er zugeschlagen hatte, und zwei, weil sie es veranlasst hatten. Akte 094 Neid in der Gärtnerei Bremen · 1908 Ein Gärtner tötete einen Gärtner. Mehr als das steht nicht fest — und der Titel, unter dem der Fall in diesem Buch läuft, ist eine Deutung, kein Befund. Akte 095 Zwölf Tage vor dem Gesetz Berlin / Wusterhausen an der Dosse · 1947–1949 Zwanzig Kilo Kartoffeln. Drei Tage nachdem der Parlamentarische Rat das Grundgesetz beschlossen hatte, wurde in West-Berlin noch einmal das Fallbeil aufgestellt. Akte 096 Der Neubauer von Dielingen Dielingen, Kreis Lübbecke, Westfalen · 1892 Vom Urteil bis zum Beil vergingen knapp vier Monate. Ausgeführt hat es ein Mann aus Magdeburg, der in einem Tagebuch nur die einwandfrei vollzogenen Hinrichtungen notierte. Akte 097 Die Hand des Helfers Raum Landshut, Niederbayern · 1923/24 Zwei Männer wurden dafür hingerichtet. Die Getötete steht in der Überlieferung nur als „Rupert Fischers Ehefrau“. Akte 098 Elf Tage im Münsterland Herzebrock, Westfalen / Gelsenkirchen · 1911/12 Ein Dorfpolizist mit Fahrrad und Säbel folgt drei Einbrechern. Elf Tage später endet die Jagd in einer Mergelgrube. Hundert Jahre danach findet sein Urgroßneffe die Akten. Akte 099 Der Untermieter von Hirschberg Hirschberg, Schlesien · 1907/08 Er wohnte in ihrem Haus, aß, was sie kochte, und hatte etwas gespart. Das war alles, was ihn zum Opfer machte.
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Alle Fälle beruhen auf historischen Kriminalfällen (1820–1950) und wurden für dieses Rätselbuch nacherzählt.