Das Moor als Versteck
Das Altbayerische Donaumoos zwischen Ingolstadt und Neuburg ist im 19. Jahrhundert kein Ort, an dem man jemanden sucht. Entwässerungsgräben, Torfstiche, verstreute Höfe, wenig Wege — eine Landschaft, die Fremde verschluckt und Ortskundige durchlässt.
Genau das machen sich Ferdinand Gump, geboren 1844, und Eduard Gänswürger, geboren 1843, zunutze. Zwischen 1871 und 1873 begehen die beiden eine Serie von Straftaten in den damaligen bayerischen Gerichtsbezirken Ingolstadt, Neuburg, Pfaffenhofen, Mainburg, Rottenburg an der Laaber, Schrobenhausen und Aichach. Das Moos ist ihr Rückzugsraum.
Ihre Methode ist kein Geheimnis, sondern schlichte Gewalt: Sie sind bewaffnet, sie überfallen Menschen auf offener Straße, und sie sind bereit zu schießen. In der Gegend kennt man ihre Namen, lange bevor die Justiz sie fassen kann.
Warum sie zwei Jahre lang laufen konnten
Die Liste der betroffenen Gerichtsbezirke erklärt einen guten Teil des Erfolgs. Wer in Pfaffenhofen raubt, in Aichach untertaucht und in Mainburg wieder auftaucht, hat es mit drei verschiedenen Behörden zu tun — jede zuständig für ihr Gebiet, keine für das Ganze.
Eine zentrale Fahndung, wie man sie heute selbstverständlich findet, existiert im Bayern der frühen 1870er Jahre nicht. Es gibt keine landesweite Erkennungsdatei, keinen schnellen Nachrichtenweg zwischen Landgerichten, keine Möglichkeit, ein Fahndungsbild binnen Stunden in hundert Amtsstuben zu haben. Wer über Bezirksgrenzen hinweg arbeitet, arbeitet faktisch in Lücken.
Dazu kommt der Rückhalt vor Ort. Die beiden übernachten bei Leuten, die sie kennen, und lassen sich verpflegen. Eine Bande, die nur von Überfällen lebte, wäre schneller verhungert als gefasst worden.
Die Straße bei Meilenhofen
Am 11. Dezember 1872 werden auf der Distriktstraße bei Meilenhofen zwei Kleinbauern aus Elsendorf überfallen: Franz Xaver Gruber und Josef Ettmüller. Die Räuber — Gump, Gänswürger und ein dritter Mann — erschießen beide und nehmen ihnen ihr Geld ab.
Es ist ein Raubmord ohne jede Finesse. Zwei Männer sind unterwegs, drei andere haben Gewehre, und am Ende liegen zwei Tote auf der Straße. Der Fall macht die Donaumoosräuber über die Region hinaus bekannt.
Der dritte Mann
Was danach geschieht, sagt mehr über die beiden als der Überfall selbst. Die drei fliehen in einen nahen Wald — und dort erschießen Gump und Gänswürger ihren eigenen Komplizen. Später wird er als Johann Faltermeier identifiziert.
Ein Mitwisser ist ein Risiko. Die Bande löst dieses Risiko so auf, wie sie alles auflöst.
Die Nacht auf den 5. Februar
In der Nacht auf den 5. Februar 1873 stirbt Margarethe Kufer, Krämersfrau aus Karlskron. Sie ist keine Fremde: Bei ihr hatten die beiden Räuber wiederholt Unterschlupf gefunden und Verpflegung bekommen.
Damit ist eine Grenze überschritten, die selbst in diesem Milieu galt. Wer die Leute umbringt, die einen durchfüttern, macht sich im eigenen Hinterland unmöglich.
Am Ufer der Sandrach
Zwei Tage später, am Morgen des 7. Februar 1873, findet der Eisenbahntagelöhner Alois Donaubauer aus Ingolstadt am Ufer der Sandrach zwischen Manching und Niederfeld eine Leiche. Es ist Eduard Gänswürger. Erschossen hat ihn sein Partner Ferdinand Gump.
Gump gibt später bei seiner Vernehmung an, er habe die Menschheit von diesem Unmenschen befreien wollen. Ob das eine Überzeugung war, ein Zerwürfnis nach dem Mord an der Krämerin oder schlicht die Rechnung, dass ein toter Partner nicht mehr aussagen kann, lässt sich aus den Akten nicht entscheiden.
Ein Prozess, der nie stattfand
Gump wird gefasst, doch zum Verfahren kommt es nicht. Im September 1873 verlegt man ihn in die Krankenabteilung des Gefängnisses. Am 25. November 1873 stirbt er dort an schwerer Tuberkulose.
Damit endet der Fall ohne Urteil. Was über die Taten bekannt ist, stammt aus Ermittlungsakten und Vernehmungsprotokollen — nicht aus einer Hauptverhandlung, in der Aussagen geprüft und bestritten worden wären.
Das ist mehr als eine Formalie. Ein Ermittlungsprotokoll hält fest, was ein Beschuldigter gesagt hat, nicht, was zutrifft. Gump hatte allen Grund, seine eigene Rolle günstig darzustellen und die des toten Gänswürger belastend — der konnte nicht mehr widersprechen. Alles, was wir über das Zerwürfnis der beiden zu wissen glauben, stammt vom Überlebenden.
Was in der Gegend blieb
Die beiden verschwanden aus den Akten und wanderten in die Sagen. In der Hallertau und im Donaumoos hielt sich über Generationen ein Spruch, mit dem man Kinder erschreckte: Dreh dich nicht um, der Gump geht um.
Aus zwei gewöhnlichen Raubmördern war eine Gestalt geworden, mit der man die Dämmerung erklärte. Bis heute greifen Heimatvereine und Theatergruppen den Stoff auf.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 002 auf Ebene I. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht mit dem Namen des Täters.
Quellen 5
- Wikipedia: Donaumoosräuber — Link
- Historisches Lexikon Bayerns: Kriminalfälle (19./20. Jahrhundert) — Link
- Verein zur Förderung des Staatsarchivs München: Fundstücke — Crime — Link
- Wolnzacher Geschichte(n): „Drah dich ned um, der Gump geht um“ — Link
- Deutsche Digitale Bibliothek: Ferdinand Gump und Eduard Gänswürger — zwei Raubmörder aus dem Donaumoos — Link