Die Mühle am Waldrand
Mathias Kneißl kommt am 12. Mai 1875 in Unterweikertshofen zur Welt, als ältestes von fünf Geschwistern. Der Vater ist gelernter Müller und stammt aus einer angesehenen Bauernfamilie bei Hilgertshausen.
1886 erwirbt er die Schachermühle bei Sulzemoos für 9.800 Reichsmark. Die Mühle liegt am Rand dichter Fichtenwälder — eine Lage, die sich als praktisch erweist, wenn man erlegtes Wild unbemerkt nach Hause bringen will.
Denn was Mühle, Wirtschaft und die Arbeit als Schreiner und Wagner einbringen, reicht für die Familie nicht. Die Söhne Alois und Mathias gehen wildern. Es ist kein Abenteuer, sondern Zuverdienst — und in Bayern zu dieser Zeit ein Delikt, das man nicht auf die leichte Schulter nimmt.
Ein Kind mit Urteil
Über den neunjährigen Mathias notiert sein Lehrer, er sei ein ausgesprochen unwilliger und ungehorsamer Bub — und gebraucht das Wort, das ihn begleiten wird: „Zuchthauspflanze“.
Mit sechzehn wird daraus Wirklichkeit. Sein Bruder Alois zieht ihn in eine Schießerei hinein, Mathias muss für mehrere Jahre ins Gefängnis. Als Gendarmen den Vater verhaften wollen, flieht dieser und stirbt auf dem Weg ins Gefängnis nach Dachau.
Damit ist die Familie zerschlagen: der Vater tot, die Söhne vorbestraft, die Mühle ohne Ertrag.
Der Versuch, sauber zu bleiben
Nach der Entlassung will Kneißl ein bürgerliches Leben führen und Arbeit finden. Es misslingt. Seine Vorstrafe ist bekannt, und in einer Gegend, in der jeder jeden kennt, bleibt sie an ihm haften.
Dieser Punkt ist der Kern des Falls und der Grund, warum er später so erzählt wurde, wie er erzählt wurde: Ein Mann, der nach der Haft zurückwill und nicht gelassen wird, entscheidet sich irgendwann für die Seite, die ihn nimmt. Nach dem Tod des Vaters zieht Kneißl mit seinen Brüdern auf Raubzüge.
Der Abend von Irchenbrunn
Am Abend des 30. November 1900 kommt es in Irchenbrunn bei Altomünster zu einem Schusswechsel: Gendarmen wollen Kneißl festnehmen. Zwei Beamte werden so schwer verletzt, dass sie später sterben.
Aus dem Wilderer und Räuber ist ein Polizistenmörder geworden. Das verändert alles — für die Behörden, die nun jeden Aufwand rechtfertigen können, und für Kneißl, der ab jetzt weiß, was ihn erwartet.
Sechzig Mann für einen
Im März 1901 wird er auf dem Aumacher-Anwesen in Geisenhofen gestellt. Sechzig Gendarmen sind im Einsatz. Sie schießen auf das Haus; Kneißl wird schwer verwundet und überlebt.
Die Zahl allein erzählt, welchen Rang der Fall inzwischen hatte. Sechzig bewaffnete Beamte für einen einzelnen Mann — das ist keine Festnahme mehr, das ist eine militärische Operation gegen eine Person, die zum Symbol geworden war.
Der Prozess in Augsburg
Vom 14. bis 19. November 1901 verhandelt das Landgericht Augsburg. Der schwerste Vorwurf ist der doppelte Mord an den beiden Gendarmen von Irchenbrunn.
Das Urteil lautet auf Todesstrafe. Am Freitag, dem 21. Februar 1902, wird Mathias Kneißl in Augsburg enthauptet. Er ist 26 Jahre alt.
Warum aus einem Räuber ein Held wurde
Schon zu Lebzeiten gilt Kneißl vielen als Volksheld. Kleinbauern und Tagelöhner sehen in seinem Räuberleben etwas Aufsässiges — eine Auflehnung gegen Obrigkeit, Gendarmerie und Jagdrecht, die sie selbst sich nicht leisten können. Spottverse und Moritaten entstehen noch während der Fahndung.
Diese Verklärung übersieht die zwei getöteten Gendarmen. Sie erklärt sich aber aus der Zeit: Wildern war für viele kein Verbrechen, sondern Notwendigkeit, und die Gendarmerie stand für einen Staat, der Armut verwaltete, statt sie zu lindern. In dieser Rechnung wurde aus einem Mörder ein Rebell.
Bis heute halten sich Filme, Lieder und ein nach ihm benannter Radweg durch das Dachauer Land.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 004 auf Ebene I. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht mit dem Namen des Täters.
Quellen 5
- Wikipedia: Räuber Kneißl — Link
- Historischer Verein Fürstenfeldbruck: Mathias Kneißl — Link
- Gemeinde Sulzemoos: Der Räuber Kneißl — Link
- Schulhaus Verein Unterweikertshofen: Der Räuber Mathias Kneißl — Link
- Traunsteiner Tagblatt, Chiemgau-Blätter 2018: Der Räuber und Wildschütz Mathias Kneißl — Link