Die Bank der frommen Wirtin

München · 1872 · Akte 006
StartLösungenAkte 006 › Der wahre Fall
Eine erfolglose Schauspielerin versprach Zinsen, die kein Geschäft erwirtschaften kann — und zog Zehntausende an. Ihr Schneeballsystem lief ein halbes Jahrhundert vor Charles Ponzi und ruinierte ganze Dörfer.
Ort und ZeitMünchen, 1872
TatwaffeVERSPRECHEN
Täter / TäterinAdele Spitzeder
Im BuchAkte 006, Ebene I — LEICHT

Eine Schauspielerin ohne Engagement

Adele Spitzeder kommt 1832 in Berlin zur Welt, in einer Künstlerfamilie. Sie erhält eine gute Ausbildung in Wien und wird Schauspielerin.

Zehn Jahre lang steht sie auf verschiedenen deutschen Bühnen, ohne durchzudringen. Sie kehrt nach München zurück, lebt über ihre Verhältnisse und muss sich Geld leihen. Es ist diese Lage — Schulden, kein Einkommen, aber ein geübtes Auftreten —, aus der heraus 1869 die Idee entsteht.

Die Bank in der Dachauer Straße

Gemeinsam mit ihrer Partnerin Emilie Stier gründet sie in der Dachauer Straße in München ein privates Bankgeschäft. Im Volksmund heißt es bald schlicht die Dachauer Bank.

Das Angebot ist unwiderstehlich und genau deshalb verdächtig: Zinsen in einer Höhe, die kein reguläres Geschäft erwirtschaften kann. Ausgezahlt wird sofort und ohne Umstände. Wer Geld bringt, bekommt beim nächsten Termin mehr zurück — und erzählt es weiter.

Warum so viele mitmachten

Die Einleger kommen aus allen Schichten. Das ist der Punkt, an dem der Fall über einen gewöhnlichen Betrug hinausgeht: Es sind nicht nur Spekulanten, sondern Dienstboten, Handwerker, Bauern — Menschen, die ihre Ersparnisse bringen, oft alles, was sie haben.

Zwei Dinge machen das möglich. Erstens die Auszahlungen: Solange neues Geld hereinkommt, funktioniert das System sichtbar, und jede pünktliche Zahlung ist Werbung. Zweitens Spitzeders Auftreten. Sie gibt sich fromm und mildtätig, unterstützt Arme und lässt sich als Wohltäterin sehen — ein Bild, das Misstrauen im Keim erstickt.

Reguläre Banken sind für einfache Leute damals weder zugänglich noch vertrauenswürdig. Eine Frau, die einem persönlich Geld auszahlt und sonntags in der Kirche sitzt, ist es.

Ein System, das zusammenbrechen muss

Erwirtschaftet wird nichts. Die Zinsen der Alten werden aus den Einlagen der Neuen bezahlt. Solange die Zahl der Neuen wächst, funktioniert es; sobald sie stockt, ist der Ofen aus.

Das ist die Bauweise, die heute Schneeballsystem heißt und nach Charles Ponzi benannt wird — dessen Betrug allerdings erst 1920 aufflog. Spitzeders Bank arbeitete rund fünfzig Jahre früher nach demselben Muster und gilt als eines der ersten dokumentierten Beispiele überhaupt.

Der Zusammenbruch

Nach knapp zwei Jahren bricht das Geschäft zusammen. Am 12. November 1872 wird Adele Spitzeder verhaftet.

Was folgt, trifft nicht die Bank, sondern die Einleger. Ganze Gemeinden sind ruiniert, weil dort halbe Dörfer eingezahlt hatten. Aus den Berichten der Zeit ist überliefert, dass sich Geschädigte das Leben nahmen.

Der Prozess

Am 20. Juli 1873 ergeht das Urteil. Die Vorwürfe lauten auf betrügerischen Bankrott, fehlende Buchführung sowie Veruntreuung und Unterschlagung von Einlagen.

Die Strafe verbüßt sie aus gesundheitlichen Gründen nicht im Zuchthaus, sondern im Gefängnis an der Badstraße in München. Dort schreibt sie ihre Erinnerungen, die 1878 unter dem Titel „Geschichte meines Lebens“ erscheinen.

Adele Vio

Nach der Entlassung beginnt sie erneut mit Finanzgeschäften und kommt 1880 wieder in Haft. Nach einem kurzen Aufenthalt im Ausland versucht sie es wieder als Künstlerin und tritt als Sängerin auf — unter dem Namen Adele Vio, dem Mädchennamen ihrer Mutter.

Erfolg hat sie damit nicht. Am 27. Oktober 1895 stirbt Adele Spitzeder in München an Herzversagen.

Warum der Fall zählt

In einem Buch über Mordfälle ist das hier der Ausreißer: Niemand wurde erschlagen, vergiftet oder erschossen. Und doch hat kaum ein bayerischer Kriminalfall des 19. Jahrhunderts mehr Existenzen vernichtet.

Der Fall markiert außerdem einen Anfang. Er zeigte, dass ein Finanzversprechen ohne jede Deckung über Jahre laufen kann, wenn nur genug Menschen es weitererzählen — und dass die Aufsicht darüber praktisch nicht existierte. Wer heute von Anlagebetrug liest, liest eine Variante dessen, was in der Dachauer Straße erfunden wurde.

Der Fall im Buch

Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 006 auf Ebene I. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich das gesuchte Mittel, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht.

Zur BeweislageDie Angaben zum Schaden gehen in den Quellen deutlich auseinander: Genannt werden rund 31.000 Geschädigte mit acht Millionen Gulden ebenso wie etwa 32.000 Geschädigte mit 38 Millionen Gulden. Auch das Strafmaß wird unterschiedlich mit drei Jahren beziehungsweise drei Jahren und zehn Monaten angegeben. Eine belastbare Gesamtsumme lässt sich aus der Literatur nicht ableiten — schon deshalb, weil eine ordentliche Buchführung gerade fehlte.
Quellen 6
  1. Wikipedia: Dachauer Bank — Link
  2. Deutsche Biographie: Spitzeder, Adele — Link
  3. Literaturportal Bayern: Adele Spitzeder — Link
  4. Forum Queeres Archiv München: Adele Spitzeder — Link
  5. Geschichten aus der Geschichte, Folge 112: Adele Spitzeder und die „Dachauer Bank“ — Link
  6. Adele Spitzeder: Geschichte meines Lebens, 1878 (Selbstzeugnis)
Onlinequellen abgerufen am 31. Juli 2026.

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Alle Fälle beruhen auf historischen Kriminalfällen (1820–1950) und wurden für dieses Rätselbuch nacherzählt.