Ein Schädel im Fluss
Am 17. Mai 1924 entdecken spielende Kinder in der Leine einen menschlichen Schädel. In den Wochen danach werden an mehreren Stellen am Ufer in der Altstadt von Hannover weitere Überreste geborgen. Insgesamt kommen 285 Knochen aus dem Flussbett.
Die Stadt gerät in Aufruhr. Dass es sich um mehrere Opfer handelt, ist schnell klar — und ebenso, dass die Toten über einen längeren Zeitraum in den Fluss gelangt sein müssen.
Wer die Opfer waren
Die Ermittlungen führen zu Fritz Haarmann. Das Gericht wird später feststellen, dass er zwischen September 1918 und Juni 1924 mindestens 24 junge Männer getötet hat; angeklagt war er wegen 27 Morden.
Entscheidend für das Verständnis des Falls ist, wen er tötete. Seine Opfer waren überwiegend junge Männer aus prekären Verhältnissen — Ausreißer, Wohnungslose, Jugendliche auf Durchreise, viele davon rund um den Hauptbahnhof. Menschen, deren Verschwinden niemand meldete oder deren Vermisstenanzeigen niemanden beunruhigten.
Die Nachkriegsjahre lieferten den Hintergrund: Inflation, Hunger, Wohnungsnot, unzählige entwurzelte Jugendliche in den Bahnhöfen der Großstädte. In dieser Menge fiel ein Fehlender nicht auf.
Der Spitzel
Der Punkt, der den Fall über einen Kriminalfall hinaushebt: Haarmann arbeitete für die Polizei. Er war als Spitzel tätig und bewegte sich mit deren Duldung im Bahnhofsmilieu — genau dort, wo er seine Opfer fand.
Diese Verbindung schützte ihn. Hinweise wurden nicht verfolgt, Verdachtsmomente versandeten. Der Publizist Theodor Lessing machte die zweifelhafte Rolle der hannoverschen Polizei in seiner Prozessberichterstattung öffentlich — und wurde daraufhin von der Verhandlung ausgeschlossen.
Das ist der eigentliche Skandal des Falls: nicht, dass ein Mörder unentdeckt blieb, sondern dass eine Behörde ihn brauchbar fand und deshalb nicht hinsah.
Der Prozess
Vom 4. bis 19. Dezember 1924 verhandelt das Schwurgericht am Landgericht Hannover gegen Haarmann und seinen Bekannten Hans Grans. Vorausgegangen war eine psychiatrische Begutachtung.
Am 19. Dezember 1924 wird Haarmann wegen 24 Morden schuldig gesprochen und vierundzwanzigmal zum Tode verurteilt. Grans erhält wegen Anstiftung und Beihilfe zum Mord ebenfalls ein Todesurteil, das später abgeändert wird.
Der Prozess ist ein Medienereignis. Hunderte Zeugen, Zuschauerandrang, eine Presse, die jedes Detail ausschlachtet. Die Angehörigen der Opfer spielen darin eine Nebenrolle.
Was der Fall verändert hat
Haarmann wird im April 1925 in Hannover hingerichtet.
Fachlich hinterließ der Fall Spuren in der Kriminalistik: Die Zuordnung der Knochenfunde zu einzelnen Personen war eine gerichtsmedizinische Aufgabe von damals ungewohntem Ausmaß und beförderte die systematische Zusammenführung von Vermisstenanzeigen — genau das, woran die Ermittlungen jahrelang gescheitert waren.
Institutionell führte er zu einer bis heute geführten Debatte über den Umgang mit Informanten: Was ist eine Behörde bereit zu übersehen, wenn jemand ihr nützlich ist?
Die Opfer
In der öffentlichen Erinnerung ist der Fall lange über den Täter erzählt worden — bis hin zu Spitznamen, die ihn zur Schauerfigur machten. Die Getöteten blieben namenlose Statisten.
In Hannover erinnert inzwischen ein Mahnmal an die Opfer Fritz Haarmanns. Es ist der Versuch, die Reihenfolge umzudrehen: erst die Menschen, die gestorben sind, dann der Mann, der sie getötet hat.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 008 auf Ebene I. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht mit dem Namen des Täters.
Quellen 5
- Wikipedia: Fritz Haarmann — Link
- Landeshauptstadt Hannover: 100 Jahre Kriminalfall Haarmann — Link
- Niedersächsisches Landesarchiv: Bestand Kriminalfall Haarmann — Link
- Deutsche Digitale Bibliothek: Kriminalfall Fritz Haarmann (Bestand) — Link
- Calenberger Neustadt: Der Massenmörder Fritz Haarmann — Link