Der Mann, der entkam
Am 21. Dezember 1924 erscheint auf der Polizeiwache von Münsterberg in Niederschlesien — heute Ziębice in Polen — ein wohnungsloser Mann namens Vincenz Olivier. Er berichtet, Karl Denke habe ihn mit einer Hacke angegriffen.
Die Polizei durchsucht Denkes Wohnung. Was sie dort findet, macht sofort klar, dass es nicht um einen einzelnen Übergriff geht.
Einundzwanzig Jahre
Karl Denke, geboren am 11. Februar 1860, hatte zu diesem Zeitpunkt nach heutigem Kenntnisstand seit 1903 getötet — über einen Zeitraum von rund einundzwanzig Jahren.
Seine Opfer waren durchreisende Wanderer, Hausierer und Wohnungslose. Menschen ohne festen Wohnsitz, ohne Angehörige am Ort, ohne jemanden, der ihr Ausbleiben bemerkt hätte. Wer im Kaiserreich und in der frühen Weimarer Republik auf der Landstraße lebte, war amtlich kaum erfasst. Er konnte verschwinden, ohne dass eine Lücke entstand.
Genau darin liegt die Erklärung für die einundzwanzig Jahre. Es brauchte keine besondere Vorsicht, um unentdeckt zu bleiben — es genügte, Opfer zu wählen, nach denen niemand suchte.
Das Register
Denke führte Buch. Er hielt seine Taten schriftlich fest, ordentlich und fortlaufend, wie ein Gewerbetreibender seine Geschäfte notiert.
Diese Aufzeichnungen wurden zum bekanntesten Beweisstück des Falls und gaben ihm im Rückblick seinen Namen. Ihre eigentliche Bedeutung liegt aber weniger im Schauerlichen als in etwas Nüchternem: Sie belegten das Ausmaß und den Zeitraum überhaupt erst. Ohne dieses Heft wäre der Fall vermutlich als Einzeltat behandelt worden.
Kein Prozess
Zu einer Verhandlung kommt es nicht. Wenige Tage nach der Festnahme erhängt sich Karl Denke in seiner Zelle mit den eigenen Hosenträgern. Am 31. Dezember 1924 wird er frühmorgens um halb sieben in einem namenlosen Grab am Rand des Friedhofs beigesetzt, begleitet von Polizei.
Damit fehlt dem Fall, was ihn hätte klären können: eine Hauptverhandlung mit Zeugen, Gutachten und einer geprüften Opferliste. Alles, was über die Zahl der Getöteten gesagt wird, bleibt eine Schätzung auf Grundlage der Funde und der Aufzeichnungen.
Wer gesucht wird
Der Fall Denke wird bis heute meist über das Grauen erzählt. Interessanter ist die Frage, die er stellt: Warum fällt es einundzwanzig Jahre lang nicht auf, wenn Menschen verschwinden?
Die Antwort hat nichts mit Ermittlungskunst zu tun. Sie hat damit zu tun, wer als vermisst gilt. Ein Bürger mit Wohnsitz, Arbeit und Familie löst binnen Tagen eine Suche aus. Ein Wanderer ohne Papiere löst gar nichts aus — er war ja ohnehin unterwegs.
Der Fall steht damit neben dem Fall Haarmann, der wenige Monate zuvor in Hannover verhandelt wurde. Beide Täter fanden ihre Opfer dort, wo der Staat nicht hinsah. Beide Male war nicht die Tarnung des Täters das Problem, sondern die Unsichtbarkeit der Getöteten.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 009 auf Ebene I. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht mit dem Namen des Täters.
Quellen 4
- Wikipedia: Karl Denke — Link
- Lucyna Biały: Z ciemnych kart historii Ziębic (Universitätsbibliothek Wrocław, Digitalisat) — Link
- Mark Benecke: Dokumentarfilm zum Fall Karl Denke — Link
- Armin Rütters, Michael Kirchschlager: Karl Denke — Der Kannibale von Münsterberg (Reihe Historische Serienmörder, Band 3)