Berlin nach dem Krieg
Der Schlesische Bahnhof im Berliner Osten ist um 1920 einer der Orte, an denen die Nachkriegszeit sichtbar wird. Hier kommen die Züge aus dem Osten an, hier stranden Menschen ohne Wohnung und ohne Arbeit, hier wird gehandelt, geschoben und überlebt.
Es sind die Hungerjahre. Wohnraum ist knapp, Lebensmittel sind knapp, und wer neu in der Stadt ankommt, hat oft nichts als das, was er trägt.
Was gefunden wurde
Zwischen 1918 und 1921 werden rund um den Bahnhof die zerteilten Überreste von 23 Frauen entdeckt — auf Parkbänken, in Abfallbehältern, in Kanälen.
Dass hier über Jahre ein und derselbe Täter arbeitete, war den Behörden im Grundsatz klar. Was fehlte, war eine Spur zu ihm.
Das Angebot
Carl Großmann, geboren 1863, sprach seine Opfer vor allem in der Gegend um den Andreasplatz an. Er bot wohnungslosen Frauen Arbeit als Haushaltshilfe an und lud sie zu sich ein.
Dieses Angebot funktionierte, weil die Not echt war. Eine Frau ohne Unterkunft, die in einer fremden Stadt ankommt, nimmt eine Stelle mit Kost und Logis an — das war keine Leichtgläubigkeit, sondern die einzige Möglichkeit.
Seine Opfer waren Frauen, die allein reisten, sowie Prostituierte. Also Menschen, deren Verschwinden keine Vermisstenanzeige nach sich zog, weil niemand da war, der sie erstattet hätte.
Der 21. August 1921
An diesem Tag hören Nachbarn Schreie aus Großmanns Wohnung und rufen die Polizei. Die Beamten nehmen ihn in seiner Wohnung fest, neben seinem letzten Opfer: Marie Nitsche.
Es lohnt sich, diesen Ablauf festzuhalten. Drei Jahre Ermittlungen hatten nicht zu ihm geführt. Was ihn stoppte, war eine dünne Wand und Nachbarn, die reagierten.
Kein Urteil
Zum Abschluss des Verfahrens kommt es nicht. Am 5. Juli 1922, noch vor dem Ende der Hauptverhandlung, nimmt sich der 58-jährige Großmann in seiner Zelle das Leben. Er hatte aus seinem Bettzeug einen Strick gedreht.
Deshalb ist die Zahl seiner Opfer bis heute offen. Die 23 Funde sind belegt; wie viele Frauen tatsächlich starben, wurde nie festgestellt.
Dreimal dieselbe Lücke
Großmann in Berlin, Haarmann in Hannover, Denke in Schlesien — drei Fälle in wenigen Jahren, drei Täter ohne besondere Raffinesse, drei Serien über Jahre. Und dreimal dasselbe Muster bei den Opfern: Wohnungslose, Durchreisende, Menschen ohne Angehörige vor Ort.
Das ist kein Zufall und keine Eigenart der Täter. Es ist die Beschreibung einer Lücke. Wer in der frühen Weimarer Republik keinen festen Wohnsitz hatte, tauchte in keiner Statistik auf, wurde nicht gesucht und fehlte niemandem amtlich.
Die Kriminalistik hat daraus gelernt und begann, Vermisstenmeldungen systematisch zusammenzuführen. Aber die eigentliche Voraussetzung für alle drei Serien war keine kriminaltechnische, sondern eine soziale.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 010 auf Ebene I. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht mit dem Namen des Täters.