Der 6. November 1906
Baden-Baden ist um 1900 kein gewöhnlicher Ort. Die Kurstadt lebt von Kurgästen, vom Spiel und vom Ruf, dass hier der europäische Adel und das Großbürgertum den Herbst verbringen.
An diesem Abend wird die wohlhabende Witwe Josefine Molitor, Medizinalrätin, auf offener Straße erschossen.
Ein Mord an einer angesehenen Frau, mitten in einer Stadt, die von ihrem Ruf lebt — die Wirkung ist entsprechend. Der Fall ist binnen Tagen im ganzen Reich bekannt.
Der Verdächtige
Die Ermittlungen richten sich rasch auf ihren Schwiegersohn: Karl Hau, Rechtsanwalt, verheiratet mit ihrer Tochter Lina. Bei seiner Rückkehr wird er in London festgenommen.
Hau bestreitet die Tat. Er wird bis zu seinem Tod nie ein Geständnis ablegen und sich auch zum Motiv nicht äußern.
Was die Anklage vortrug
Die Staatsanwaltschaft rekonstruierte den Ablauf so: Hau habe seine Schwiegermutter unter einem Vorwand aus dem Haus gelockt und sie auf der Straße von hinten erschossen, verkleidet mit Perücke und falschem Bart. Als Motiv nannte sie Geldgier — Hau habe an das Vermögen der Familie gelangen wollen.
Wichtig ist, was das ist: eine Rekonstruktion. Es gab kein Geständnis, keinen Zeugen der Tat und keine Waffe, die ihn eindeutig auswies. Die Anklage bestand aus Indizien, die sich zu einem stimmigen Bild fügen ließen — sofern man die Deutung akzeptierte.
Ein Prozess als Gesellschaftsereignis
Im Juli 1907 verurteilt das Schwurgericht des Landgerichts Karlsruhe Karl Hau zum Tode.
Der Prozess war weit mehr als ein Strafverfahren. Er wurde im ganzen Kaiserreich verfolgt, kommentiert und ausgeschlachtet. Die Frage, ob Hau schuldig sei, spaltete Zeitungsleser, Stammtische und Salons — auch, weil hier ein Angehöriger der gebildeten Oberschicht auf der Anklagebank saß.
Lina
Noch vor dem Prozess nimmt sich Haus Ehefrau Lina das Leben.
Sie ist die Tochter des Opfers und die Frau des Angeklagten. Was immer sie wusste oder glaubte, ist mit ihr verschwunden — und mit ihr eine der wenigen Personen, die zur Vorgeschichte der Tat hätten aussagen können.
Was der Fall anrichtete
Die Folgen reichten weit über die Beteiligten hinaus. Überliefert ist eine Bilanz, die für einen einzelnen Kriminalfall ungewöhnlich ist: zwei Suizide, vier geforderte Duelle, sechs Haftstrafen und mindestens neun Personen, gegen die ermittelt wurde.
Diese Zahlen erklären sich aus der Öffentlichkeit des Verfahrens. Wer etwas Falsches sagte, geriet selbst ins Visier; wer eine Ehre verletzt sah, forderte Genugtuung. Der Fall entwickelte eine eigene Dynamik, die mit der Aufklärung der Tat nichts mehr zu tun hatte.
Begnadigung und Ende
Das Todesurteil wird in lebenslange Haft umgewandelt. 1924 wird Karl Hau aus der Haft entlassen. Zwei Jahre später stirbt er in Italien — aller Wahrscheinlichkeit nach durch eigene Hand.
Er hat achtzehn Jahre im Gefängnis verbracht, ohne je zu gestehen und ohne je zu erklären, warum er schweigt.
Warum der Fall bis heute als ungeklärt gilt
Es gab rechtskräftige Entscheidungen, und dennoch wird der Fall in der Literatur bis heute als ungeklärt geführt. Das ist ein bemerkenswerter Befund: Ein Gericht hat entschieden, ein Mann hat achtzehn Jahre gesessen — und die Frage, was am 6. November 1906 geschah, gilt trotzdem als offen.
Der Grund liegt in der Beweisstruktur. Eine Indizienkette überzeugt oder überzeugt nicht; sie lässt sich nicht nachträglich überprüfen wie eine Spur. Wenn Jahrzehnte später neue Deutungen auftauchen, gibt es nichts, woran man sie messen könnte.
Der Fall Hau ist damit das Gegenstück zum Fall Berchtold (Akte 003): zwei Indizienurteile aus derselben Epoche, beide bis heute bestritten — eines gegen einen Maurer, eines gegen einen Anwalt.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 014 auf Ebene I. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht.
Quellen 5
- Wikipedia: Carl Hau — Link
- Stadtlexikon Karlsruhe: Karl Hau — Link
- Wikisource: Die Ermordung der Medizinalrätin Molitor auf der Promenade in Baden-Baden (zeitgenössischer Bericht) — Link
- Badische Landesbibliothek / RegionaliaOpen: Das Strafverfahren gegen den Rechtsanwalt Karl Hau — Link
- Uwe Grindt: Justizdrama des Karl Hau — Eine Hypothese zur Ermordung von Josefine Molitor am 6.11.1906 in Baden-Baden