Ein Fürst, den es nicht gab
Georges Manolescu kommt am 19. Mai 1871 in der Walachei am Fuß der Karpaten zur Welt, im heutigen Rumänien. Bekannt wird er unter einem Namen, der ihm nicht gehört: Fürst Lahovary.
Unter dieser Identität bewegt er sich um 1900 durch die Grandhotels von Paris, London und Nizza, bestiehlt die Gesellschaft, die ihn für ihresgleichen hält — und heiratet als angeblicher Fürst sogar eine deutsche Gräfin.
Die Methode: kein Werkzeug
Das Bemerkenswerte an Manolescu ist, womit er arbeitete: mit gar nichts. Er brauchte kein Einbruchswerkzeug, um in Hotelzimmer zu gelangen.
Sein Auftreten genügte. Wer sich in den Fluren eines Grandhotels wie ein Gast der ersten Klasse bewegte und überraschte Zimmermädchen oder Hotelgäste mit hochgezogener Augenbraue bedachte, wurde nicht gefragt. Der Verdacht, ein gewöhnlicher Hoteldieb zu sein, kam gar nicht erst auf.
Das ist dieselbe Beobachtung, die Wilhelm Voigt in Köpenick machte (Akte 007), nur eine Klasse höher angesiedelt: Nicht Papiere legitimieren, sondern Erscheinung. Wo Voigt eine Uniform brauchte, genügte Manolescu die Haltung.
Berlin
Nach einer Haftentlassung in Luzern beginnt er einen ausgesprochen erfolgreichen Beutezug durch die Berliner Hotels.
Als er dort erneut festgenommen wird, folgt der Prozess vor der dritten Strafkammer des Landgerichts Berlin I. Das öffentliche Interesse ist enorm — ein falscher Fürst vor Gericht ist ein Gesellschaftsereignis.
Der Trick mit dem Gutachten
Vor Gericht spielt Manolescu seine letzte Rolle. Mit derselben Selbstsicherheit, mit der er Hotelpersonal getäuscht hatte, überzeugt er Richter und psychiatrische Sachverständige davon, nicht bei Verstand zu sein.
Er wird für unzurechnungsfähig erklärt und 1901 in die Berliner Anstalt Herzberge eingewiesen. 1903 gelingt ihm von dort die Flucht nach Österreich.
Damit schließt sich ein Kreis, der achtzig Jahre zuvor in Leipzig begonnen hatte. Aus dem Fall Woyzeck (Akte 012) war die Praxis entstanden, die Schuldfähigkeit durch Sachverständige prüfen zu lassen. Manolescu führte vor, dass ein Verfahren, das auf dem Eindruck von Gesprächen beruht, von jemandem ausgehebelt werden kann, dessen Beruf das Erzeugen von Eindrücken ist.
Die Memoiren
1905 erscheinen seine Erinnerungen. Sie werden ein Skandalerfolg: ein Verbrecher, der seine Taten nicht bereut, sondern als Kunststück vorführt, und der dabei die Eitelkeit der Bestohlenen bloßstellt.
Der Reiz des Buches liegt nicht in den Diebstählen, sondern in der Beobachtung. Manolescu beschreibt eine Gesellschaft, die Zugehörigkeit an Kleidung, Sprache und Selbstverständlichkeit misst — und die deshalb jeden aufnimmt, der diese Zeichen beherrscht.
Felix Krull
Thomas Mann las die Memoiren und stützte darauf weitgehend seine Figur des Hochstaplers Felix Krull. Aus dem rumänischen Hoteldieb wurde eine der bekanntesten Gestalten der deutschen Literatur.
Der reale Manolescu ist darüber fast verschwunden — ein Muster, das sich in diesem Archiv wiederholt: bei Woyzeck durch Büchner, bei Apfelböck durch Brecht, bei Voigt durch Zuckmayer. Die Literatur konserviert den Fall und ersetzt ihn zugleich.
Ein früher Tod
Im März 1906 muss ihm nach einer misslungenen Operation der rechte Arm amputiert werden, später wird ein Teil der Schulter entfernt. Von den Folgen erholt er sich nicht.
Am 2. Januar 1908 stirbt Georges Manolescu im Alter von 37 Jahren.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 015 auf Ebene I. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich das Werkzeug, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht.
Quellen 5
- Wikipedia: Georges Manolescu — Link
- Neue Zürcher Zeitung: Der Hochstapler Georges Manolescu blendete mit Schein die Reichen — Link
- Karl-May-Wiki: Georges Manolescu — Link
- Perlentaucher: Georges Manolescu / Fürst Lahovary — Mein abenteuerliches Leben als Hochstapler — Link
- Georges Manolescu: Memoiren, 1905 (Selbstzeugnis; Neuausgabe als „Mein abenteuerliches Leben als Hochstapler“, Manesse)