Rastenburg, September 1930
Rastenburg in Ostpreußen — heute Kętrzyn in Polen — ist eine Kleinstadt, in der man das Möbelhaus und seinen Geschäftsführer kennt. Fritz Saffran, geboren am 10. März 1900 in Schippenbeil, gehört zu den angesehenen Leuten am Ort.
Im September 1930 brennt das Geschäft. Im Büro wird eine verkohlte Leiche gefunden. Für alle Beteiligten ist klar, wer dort gestorben ist.
Die Identifizierung
In der Leichenhalle treffen sich ein Polizeikommissar, ein Arzt, Saffrans Ehefrau, der Buchhalter Robert Kipnik und die Büroangestellte Ella Augustin, um den Toten zu identifizieren.
Sie bestätigen: Es ist Fritz Saffran. Zwei der Anwesenden wissen, dass das nicht stimmt.
Was die Versicherungsunterlagen zeigten
Saffran hatte bei der Allianz eine Lebens- und Unfallversicherung über 300.000 Mark zugunsten seiner Frau abgeschlossen. Bis Ende August 1930 kamen drei weitere Verträge über insgesamt mehr als eine Million Mark hinzu — begünstigt war diesmal Ella Augustin.
Diese Häufung kurz vor dem Brand war das erste, was Ermittler stutzig machte. Eine Versicherungssumme in dieser Höhe für einen Möbelhausgeschäftsführer einer ostpreußischen Kleinstadt war auffällig; dass sie in wenigen Wochen aufgestockt wurde, war es umso mehr.
Der Tote hatte einen Namen
Die Leiche im Büro war nicht Fritz Saffran. Es war Friedrich Dahl, geboren am 14. Juli 1905 in Wermdorf im Kreis Königsberg — ein junger Mann, der getötet und in das brennende Gebäude gelegt wurde, damit sein Körper für den des Geschäftsführers gehalten würde.
Das ist der Kern dieses Falls und der Grund, warum er kein Wirtschaftsdelikt ist: Um an eine Versicherungssumme zu kommen, brauchte der Plan eine Leiche in der richtigen Größe. Ein Mensch wurde nicht aus Hass oder Streit getötet, sondern weil ein Betrug ihn als Requisit benötigte.
Zwei Fälle, ein Jahr
Fast zeitgleich beschäftigte die deutsche Kriminalistik ein zweiter, verblüffend ähnlicher Fall: Im November 1929 war bei Regensburg ein Auto ausgebrannt, am Steuer eine verkohlte Leiche, die Papiere gehörten dem Leipziger Kaufmann Erich Tetzner, dessen Frau kurz zuvor hohe Versicherungen abgeschlossen hatte (siehe Akte 060).
Dieselbe Idee, dasselbe Jahr, zwei verschiedene Täter ohne Verbindung zueinander. Das beschäftigte die Fachwelt lange — nicht als Rätsel, sondern als Warnung: Der Gedanke, sich mit einer fremden Leiche aus dem eigenen Leben herauszukaufen, lag offenbar in der Luft.
Erklären lässt sich das mit der Zeit. 1929 und 1930 sind die Jahre der Weltwirtschaftskrise. Geschäfte gehen zugrunde, Schulden werden erdrückend — und Lebensversicherungen waren verbreitet genug, um manchem als letzter Ausweg zu erscheinen.
Urteil
Saffran und Kipnik wurden 1931 zum Tode verurteilt und später zu lebenslangem Zuchthaus begnadigt.
Warum solche Pläne scheitern
Beide Fälle folgen demselben Muster im Scheitern. Der Plan verlangt, dass eine Leiche für eine bestimmte Person gehalten wird — und genau das ist der Punkt, an dem Gerichtsmedizin ansetzt.
Ein Körper lässt sich verbrennen, aber nicht beliebig verändern. Größe, Alter, Gebiss und der Zustand der Atemwege verraten, wer dort liegt und ob der Betreffende vor oder nach dem Feuer gestorben ist. Beide Fälle haben dazu beigetragen, dass diese Untersuchungen zum Standard wurden.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 016 auf Ebene I. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich das entscheidende Mittel, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht.
Quellen 2
- Wikipedia: Weimarer Pitaval — Der Fall Saffran — Link
- Zeitgenössische Prozessberichterstattung zum Fall Saffran, Rastenburg 1931