Berlin, 1. April 1922
In Berlin stirbt Willi Klein. Todesursache ist eine Arsenvergiftung; verabreicht hat sie ihm seine Ehefrau Ella Klein.
Ella Klein verband eine enge Beziehung mit Margarete Nebbe. Die Anklage warf Nebbe vor, von den Plänen gewusst und sie bestärkt zu haben.
Die Briefe
Das entscheidende Beweismittel war nicht eine Spur am Leichnam, sondern Papier. Die beiden Frauen hatten einander geschrieben, und diese Korrespondenz gelangte zu den Akten.
Briefe sind für ein Gericht eine ungewöhnliche Beweislage. Sie zeigen nicht, was geschah, sondern was jemand dachte, hoffte und andeutete — und sie sind an einen bestimmten Menschen gerichtet, nicht an die Nachwelt. Ein Satz, der zwischen zwei Vertrauten eindeutig ist, kann vor Gericht alles Mögliche bedeuten.
Genau daran arbeitete sich das Verfahren ab: Was in diesen Briefen Wunsch war, was Verabredung und was bloße Redensart.
Ein Prozess als Sensation
Verhandelt wurde vor dem Schwurgericht des Landgerichts Berlin. Die Ermittlungen hatten fast ein Jahr gedauert.
Was den Prozess zum Gesellschaftsereignis machte, war nicht die Tat, sondern die Beziehung der beiden Frauen. Sie wurde vor Gericht und in der Presse ausgebreitet und als eigentlicher Skandal behandelt — ein Umgang, der aus heutiger Sicht mehr über die Zeit aussagt als über den Fall.
Für die Angeklagten hatte das Folgen. Ihre Beziehung wurde nicht als persönlicher Umstand behandelt, sondern als Erklärung: Die Verbindung selbst galt manchen als Ursache der Tat.
Das Urteil
Am 16. März 1923 ergeht das Urteil. Ella Klein wird nicht wegen Mordes verurteilt, sondern wegen Totschlags, und erhält vier Jahre Freiheitsstrafe. Margarete Nebbe erhält achtzehn Monate.
Für einen Giftmord ist das bemerkenswert milde. Eine Vergiftung gilt juristisch normalerweise als planvoll und damit als klassischer Mordfall. Dass das Gericht auf Totschlag erkannte, spricht dafür, dass es erhebliche mildernde Umstände sah — worin genau diese lagen, gehörte zu den meistdiskutierten Fragen des Verfahrens.
Döblins Buch
1924 erschien Alfred Döblins Darstellung „Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord“ in der Reihe „Außenseiter der Gesellschaft. Die Verbrechen der Gegenwart“.
Döblin war Arzt und Nervenarzt, und das prägt den Text. Ihn interessierte weniger der Tathergang als die Vorgeschichte: wie es zu der Tat kam, wie das Verfahren ablief, was die psychologischen Gutachten leisteten und woran das Gericht sich schwertat.
Formal ist das Buch bemerkenswert, weil Döblin echte Briefzitate und Schriftproben aus dem Verfahren verwendete und mit erzählten Passagen mischte. Die Namen änderte er leicht ab — aus Elli Klein wurde Elli Link, aus Margarete Nebbe wurde Bende.
Was bleibt
Der Fall gehört zu den wenigen der Weimarer Zeit, die bis heute gelesen werden — allerdings fast ausschließlich über Döblin. Auch hier gilt, was im Archiv immer wieder auffällt: Die Literatur hat den Fall bewahrt und ihn zugleich überschrieben.
Bemerkenswert bleibt, wie sehr der Prozess von etwas handelte, das mit der Schuldfrage nichts zu tun hatte. Verhandelt wurde eine Arsenvergiftung; besprochen wurde die Beziehung zweier Frauen.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 017 auf Ebene I. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht.
Quellen 5
- Wikipedia: Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord — Link
- literaturkritik.de: Vorgeschichte einer ungeheuerlichen Tat — Link
- literaturkritik.de: Ein massives Stück Leben — zur Neuausgabe — Link
- Richard F. Wetzell (Hrsg.): Telling the Tale of the Poisoners Ella Klein and Margarete Nebbe (Open Access, Berghahn Books) — Link
- Alfred Döblin: Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord, 1924