Der falsche Prinz

Erfurt / Heidelberg · 1926 · Akte 019
StartLösungenAkte 019 › Der wahre Fall
Ein arbeitsloser junger Mann checkt 1926 in einem Erfurter Hotel ein. Kurz darauf hält ihn die halbe Stadt für den Enkel des Kaisers — und er muss dafür fast nichts tun.
Ort und ZeitErfurt / Heidelberg, 1926
TatwaffeMONOKEL
Täter / TäterinHarry Domela
Im BuchAkte 019, Ebene I — LEICHT

Ein Gast im Erfurter Hof

Ende 1926 nimmt sich im Hotel „Erfurter Hof“ ein Gast ein Zimmer. Er trägt sich als Baron von Korff ein. Tatsächlich heißt er Harry Domela, stammt aus dem Baltikum, ist arbeitslos und lebt seit einiger Zeit von der Hand in den Mund.

Zuvor hatte er in Heidelberg bereits als „Prinz Liven, Leutnant im 4. Reiterregiment Potsdam“ auftreten lassen und sich anschließend zum Baron Korff befördert. Es ist eine Kette von Rollen, jede ein wenig höher als die vorige.

Das Gerücht, das andere verbreiteten

In Erfurt geschieht etwas, das den Fall von allen anderen Hochstapeleien unterscheidet: Domela muss gar nichts behaupten.

Der Hoteldirektor verbreitet von sich aus das Gerücht, bei dem vornehmen Gast handele es sich um Prinz Wilhelm von Preußen, den Enkel Kaiser Wilhelms II. Die Stadt greift es auf. Von da an ist Domela der Prinz — nicht, weil er es sagt, sondern weil andere es sagen wollen.

Er lebt daraufhin als Hohenzollernprinz in Erfurt und Gotha, übernachtet in den Luxushotels des Unternehmers Kossenhaschen, besucht Opernaufführungen, nimmt an Jagden teil und lässt sich auf Wohltätigkeitsbasaren sehen.

Das juristische Problem

Genau daraus ergibt sich die Schwierigkeit für die Justiz. Betrug setzt voraus, dass jemand über Tatsachen getäuscht wird und dadurch einen Vermögensschaden erleidet.

Domela hatte aber kaum je etwas gefordert. Man lud ihn ein, man beherbergte ihn, man drängte ihm Aufmerksamkeiten auf — weil es schmeichelhaft war, einen Prinzen zu Gast zu haben. Wer einem vermeintlichen Hohenzollern freiwillig die Suite überlässt, ist juristisch schwer als Opfer zu fassen.

Der Fall führte damit eine unangenehme Frage vor: Wer hat hier eigentlich wen getäuscht — und wollte die Gesellschaft nicht genau das glauben, was sie glaubte?

Festnahme und Urteil

Am 8. Januar 1927 wird Harry Domela in der Nähe von Köln festgenommen. Er war auf dem Weg, sich der Fremdenlegion anzuschließen.

Verurteilt wird er zu sieben Monaten Haft wegen wiederholten Betrugs in mehreren Fällen — ein Strafmaß, das im Verhältnis zur Aufregung um den Fall bescheiden wirkt.

Das Buch

Schon in der Untersuchungshaft schreibt Domela seine Geschichte auf. 1927 erscheint sie im Malik-Verlag unter dem Titel „Der falsche Prinz“.

Der Erfolg ist außergewöhnlich: fünf Auflagen und über 120.000 verkaufte Exemplare allein im Erscheinungsjahr. Domela trat anschließend auch in einer Verfilmung des Stoffes als er selbst auf.

Die Republik lachte — und zwar erkennbar über sich selbst. Acht Jahre nach dem Ende der Monarchie hatte eine Kleinstadt einen Arbeitslosen zum Prinzen erklärt, weil sie einen haben wollte.

Drei Hochstapler, ein Befund

Mit Domela schließt sich in diesem Archiv eine Reihe. Wilhelm Voigt brauchte 1906 eine gebrauchte Uniform (Akte 007). Georges Manolescu genügte um 1900 die Haltung eines Hotelgastes erster Klasse (Akte 015). Harry Domela musste 1926 nicht einmal mehr etwas behaupten.

Alle drei Fälle zeigen dasselbe: Autorität und Rang werden an Zeichen abgelesen, nicht an Nachweisen. Was sich zwischen 1900 und 1926 ändert, ist nur, wie wenig Aufwand nötig ist.

Der Fall im Buch

Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 019 auf Ebene I. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich das Erkennungszeichen, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht.

Quellen 5
  1. Literaturland Thüringen: Harry Domela als „falscher Prinz“ in Thüringen — Link
  2. erfurt-web.de: Der falsche Prinz Harry Domela — Link
  3. Freie Universität Berlin: Von Diebesfürsten und falschen Prinzen — Link
  4. Der Freitag: 1926 — Königliche Hoheit — Link
  5. Harry Domela: Der falsche Prinz, Malik-Verlag 1927 (Selbstzeugnis)
Onlinequellen abgerufen am 31. Juli 2026.

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Alle Fälle beruhen auf historischen Kriminalfällen (1820–1950) und wurden für dieses Rätselbuch nacherzählt.