Der 27. Januar 1929
An diesem Tag betreten Franz Sass, damals 24 Jahre alt, und sein Bruder Erich den Tresorraum der Disconto-Gesellschaft am Wittenbergplatz in Berlin.
Sie kommen nicht durch die Tür. Sie kommen von unten.
Wochen im Keller
Wochenlang hatten die beiden vorgearbeitet: Vom Keller eines Nachbarhauses trieben sie einen Tunnel bis zum Luftschacht des Tresorraums.
Das ist der Punkt, der Fachleute bis heute beeindruckt. Der Tresorraum war nach dem Stand der Technik gesichert; an Tür und Wänden hätten sich die Brüder die Zähne ausgebissen. Der Schacht dagegen war gebaut, um Luft hereinzulassen — niemand hatte ihn als Zugang gedacht.
Im Tresorraum angekommen, verriegelten sie die Tür von innen. Damit hatten sie Zeit.
179 von 181
Von den 181 Schließfächern im Raum öffneten sie 179.
Der Schaden wurde später auf zwei bis zweieinhalb Millionen Reichsmark geschätzt. Wie hoch die Beute tatsächlich war, ließ sich nie vollständig klären — nicht zuletzt, weil manche Kunden über den Inhalt ihrer Fächer nur ungern Auskunft gaben.
Drei Tage, bis es auffiel
Der Einbruch blieb fast drei Tage unbemerkt. Am Montagmorgen, dem 28. Januar 1929, bekamen Bankangestellte die Tresortür nicht auf — sie war ja von innen blockiert.
Bis Arbeiter ein Loch in die Wand gebrochen hatten, war es Mittwoch. Was sie vorfanden, war ein ausgeräumter Raum und zwei leere Weinflaschen.
Diese beiden Flaschen wurden zum Bild des ganzen Falls: Die Täter hatten es sich in einem der bestgesicherten Räume Berlins gemütlich gemacht.
Freilassung und Sektempfang
Der Verdacht richtete sich rasch auf die Brüder Sass. Beweisen ließ sich zunächst nichts — kein Fingerabdruck, kein Zeuge, keine Beute.
Überliefert ist, dass die beiden nach ihrer Entlassung aus der Untersuchungshaft der Presse einen Empfang bei Lutter & Wegner gaben. Ob im Detail so geschehen oder ausgeschmückt: Es passt zu einem Fall, in dem die Täter die Öffentlichkeit von Anfang an mitspielten.
Warum Berlin sie liebte
Die Presse nannte sie Meisterdiebe und Gentleman-Gangster. Die Stadt amüsierte sich.
Das lässt sich erklären. Es gab keine Toten und keine Verletzten. Geschädigt war eine Bank und deren vermögende Kundschaft — in einer Zeit, in der Berlin auf die Weltwirtschaftskrise zusteuerte, weckte das wenig Mitleid. Und die Tat war handwerklich so sauber, dass man ihr eine gewisse Bewunderung nicht versagen konnte.
Die Beute wurde nie gefunden. Bis heute halten sich Geschichten über vergrabenes Gold im Berliner Umland.
Das Ende, das keine Legende ist
Die Geschichte endet nicht heiter. Nach zwei Jahren Untersuchungshaft wurden die Brüder wegen gemeinschaftlich begangenen schweren Diebstahls und wegen Devisenvergehen verurteilt: Franz zu dreizehn, Erich zu elf Jahren.
Am 27. März 1940 wurden Franz und Erich Sass beim Transport in das Konzentrationslager Sachsenhausen getötet.
Damit steht am Ende dieses Falls kein Gerichtsurteil, sondern ein Mord durch den NS-Staat. Wer die Sass-Brüder als Berliner Originale erzählt, sollte diesen Schluss mitnehmen: Sie starben nicht als Legenden, sondern als zwei von unzähligen Menschen, die ohne Verfahren umgebracht wurden.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 020 auf Ebene I. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich der entscheidende Zugang, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht.