Der Lehrer
Im September 1861 besteht Karl May sein Abschlussexamen. Er arbeitet kurz als Hilfslehrer an einer Armenschule in Glauchau und tritt Anfang November eine Stelle an den Fabrikschulen der Firmen Solbrig und Clauß in Altchemnitz an.
Für einen Sohn aus ärmsten Verhältnissen ist das der Aufstieg: ein Beruf, ein Einkommen, eine Stellung.
Eine geliehene Taschenuhr
Nach wenigen Wochen ist es vorbei. Sein Zimmergenosse Julius Hermann Scheunpflug hatte ihm eine Taschenuhr geliehen, damit er sie im Unterricht benutzen konnte. Zu Weihnachten fährt May nach Hause nach Ernstthal — mit der Uhr in der Tasche, ohne vorher zu fragen.
Scheunpflug zeigt ihn wegen unrechtmäßigen Gebrauchs fremden Eigentums an. May erhält sechs Wochen Haft.
Sechs Wochen. Für eine Uhr, die er zurückgeben wollte und die er mit Erlaubnis benutzt hatte. Es ist die kleinste Straftat in diesem ganzen Archiv — und sie hat die größten Folgen.
Was der Eintrag bedeutete
Als Vorbestrafter wird May von der Liste der Lehramtskandidaten gestrichen. Im Juni 1863 wird ihm die Lehrerlaubnis endgültig entzogen.
Damit ist der einzige Beruf, den er gelernt hat, für ihn geschlossen. In den folgenden zwei Jahren versucht er, sich legal durchzubringen: mit Privatunterricht in seiner Heimatstadt, mit Komponieren, mit dem Vortragen eigener Gedichte. Es reicht nicht zum Leben.
1864 beginnt er zu stehlen und zu betrügen.
Der Absturz
Was folgt, ist eine Kette kleiner Betrügereien und Diebstähle, teils mit falschen Namen und angenommenen Rollen — unter anderem gab er sich als Polizeileutnant aus.
1865 wird er zu vier Jahren Arbeitshaus verurteilt. Anlass war unter anderem ein Pelzmantel, den er sich in Leipzig im Brühl unter falschem Namen aushändigen ließ und für zehn Taler versetzte. 1868 kommt er nach dreieinhalb Jahren vorzeitig frei.
Der Versuch, danach ein geregeltes Leben aufzubauen, scheitert erneut. Vom 3. Mai 1870 bis zum 2. Mai 1874 sitzt Karl May im Zuchthaus Waldheim — wegen Betrugs, Urkundenfälschung und wiederholten Diebstahls, als Häftling Nummer 402. Wegen Rückfälligkeit kommt eine vorzeitige Entlassung diesmal nicht in Betracht.
Die Bibliothek
In der Haft fertigt May Zigarren an und betreut zeitweise die Anstaltsbibliothek mit rund 1.700 Bänden.
Die verbreitete Vorstellung, er habe im Zuchthaus bereits seine Abenteuerromane geschrieben, ist allerdings falsch — literarisches Arbeiten war dort nicht möglich. Seine eigene Erzählung von einer inneren Wandlung, die er dem Anstaltsgeistlichen Johannes Kochta zuschrieb, gehört zu den Punkten, an denen Mays Selbstdarstellung und die Aktenlage auseinandergehen.
Der meistgelesene Autor Deutschlands
Nach der Entlassung beginnt er zu schreiben — zunächst für Zeitschriften, dann in immer größerem Umfang. Aus dem Vorbestraften wird der Autor von Winnetou und Old Shatterhand, der bis heute zu den meistgelesenen deutschsprachigen Schriftstellern zählt.
1878 folgt noch eine letzte, dreiwöchige Haftstrafe wegen Betrugs, die sogenannte Stollberger Affäre. Danach ist Schluss mit den Straftaten.
Warum ihn die Vergangenheit einholte
May behauptete jahrelang, seine Helden selbst erlebt zu haben. Als Gegner und Journalisten in seinen Akten gruben und die Vorstrafen öffentlich machten, wurde daraus eine Serie von Prozessen, die ihn bis an sein Lebensende beschäftigten.
Bemerkenswert an diesem Fall ist die Parallele zu Mathias Kneißl (Akte 004): Beide waren nach der ersten Haft als Vorbestrafte abgestempelt, beide fanden keine Arbeit, beide kehrten zur Kriminalität zurück. Der Unterschied ist der Ausweg. Kneißl griff zur Waffe und wurde hingerichtet. May griff zur Feder.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 021 auf Ebene I. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich das Mittel, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht.
Quellen 6
- Karl-May-Wiki: Karl May — Link
- Karl-May-Wiki: Uhrendiebstahl — Link
- Karl-May-Wiki: Zuchthaus Waldheim — Link
- Karl-May-Gesellschaft: Biographie — Der Sturz in den Abgrund — Link
- Karl-May-Vereinigung: Die Taschenuhr-Affäre — Diebstahl oder Intrige? — Link
- Deutsches Historisches Museum, LeMO: Karl May — Link