Bremerhaven, 11. Dezember 1875
An der Pier wird die „Mosel“ beladen, ein Auswandererschiff des Norddeutschen Lloyd. An Bord und am Kai: Passagiere, die nach Amerika wollen, Hafenarbeiter, Besatzung, Angehörige.
Ein Kran hebt ein schweres Fass. Auf dem höchsten Punkt der Bewegung rutscht eines der Trageseile.
Das Fass fällt. Es explodiert. 83 Menschen sterben, rund 200 werden verletzt.
Was in dem Fass war
Das Fass war doppelwandig. Zwischen den Wänden steckten rund dreizehn Zentner Dynamit — etwa 650 Kilogramm — und ein Uhrwerk als Zünder.
Es war eine Zeitbombe, und zwar eine der ersten überhaupt. Die Konstruktion nutzte gewöhnliche Uhrmacherarbeit für einen Zweck, für den sie nie gedacht war: einen Sprengsatz zu einem vorher bestimmten Zeitpunkt auszulösen, ohne dass jemand dabei sein muss.
Der Plan
Hinter der Konstruktion stand William King Thomas — mit richtigem Namen Alexander Keith jr., ein aus Halifax in Kanada stammender Schmuggler und Betrüger.
Sein Plan war Versicherungsbetrug. Er hatte wertlose Fracht hoch versichern lassen. Das Fass sollte auf hoher See detonieren, das Schiff sinken, die Fracht als verloren gelten und die Versicherung zahlen. Thomas selbst wollte in Southampton von Bord gehen, bevor es so weit war.
Hier liegt der Punkt, an dem dieser Fall sich von jedem anderen Versicherungsbetrug in diesem Archiv unterscheidet. Der Plan funktionierte nur, wenn ein voll besetztes Auswandererschiff mitten im Atlantik unterging. Die Toten waren nicht die Folge eines Fehlers — sie waren Teil der Rechnung. Falsch lief nur der Zeitpunkt.
Der erste Versuch
Es war nicht sein erster Anlauf. Zuvor hatte Thomas dasselbe mit dem Dampfer „Rhein“ vorgehabt. Dort löste der Mechanismus nicht aus.
Das ist einer der bitteren Nebenaspekte des Falls: Die Technik versagte zweimal — einmal, indem sie gar nicht zündete, und einmal, indem sie zu früh zündete. Nur der eine Fall, in dem sie planmäßig funktioniert hätte, blieb aus.
Der Täter
Nach der Explosion erschoss sich Thomas in seiner Kajüte. Er starb an den Folgen des Suizidversuchs; zuvor legte er ein Geständnis ab.
Erst danach wurde geklärt, wer er wirklich war: nicht der amerikanische Geschäftsmann William King Thomas, sondern der kanadische Staatsbürger Alexander Keith jr.
Warum der Fall Geschichte machte
Die „Thomas-Katastrophe“, wie sie in Bremerhaven bis heute heißt, steht am Anfang von zwei Entwicklungen.
Kriminaltechnisch war sie der erste große Fall eines Zeitzünder-Sprengsatzes. Was hier zum ersten Mal in großem Maßstab vorgeführt wurde — dass ein Täter zum Tatzeitpunkt hunderte Kilometer entfernt sein kann —, hat die Ermittlungsarbeit dauerhaft verändert. Das klassische Fragenraster nach Anwesenheit und Gelegenheit greift hier nicht mehr.
Und für die Schifffahrt begann eine Debatte über die Kontrolle von Frachtgut und über Versicherungen, die einen Anreiz zum Untergang schaffen.
Erinnerung
In Bremerhaven ist der 11. Dezember 1875 bis heute präsent. Zum 150. Jahrestag zeigte das Historische Museum eine Sonderausstellung; eine Infotafel erinnert am Ort an das Geschehen.
Bemerkenswert ist, wie die Stadt den Tag nennt: ihren schwärzesten. Nicht als Kriminalfall, sondern als Katastrophe — aus der Perspektive derer, die dort standen.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 023 auf Ebene I. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich das entscheidende Bauteil, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht.
Quellen 5
- Wikipedia: Anschlag auf die Mosel — Link
- Wikipedia: William King Thomas — Link
- Stadt Bremerhaven: Attentat missglückt — erste Zeitbombe der Welt erschüttert 1875 die Stadt — Link
- Amtsgericht Bremerhaven: Hans Wrobel — Die Explosion von Bremerhaven am 11.12.1875 — Link
- Die Uhrmacherkunst im Dienste des Verbrechens: Zur sogenannten „Thomas-Katastrophe“ am 11. Dezember 1875 in Bremerhaven (Aufsatz) — Link