Die Villa am Kalkwerk

Haiger, Hessen · 1924 · Akte 026
StartLösungenAkte 026 › Der wahre Fall
Acht Tote in einem Haus, ein schwer verletzter Überlebender und die Geschichte von einem Überfall. Die Verletzungen des einzigen Zeugen verrieten ihn — der Fall wurde zum Lehrstück der frühen Tatortarbeit.
Ort und ZeitHaiger, Hessen, 1924
TatwaffeAXT
Täter / TäterinFritz Angerstein
Im BuchAkte 026, Ebene I — LEICHT

Die Nacht auf den 1. Dezember 1924

In Haiger im heutigen Hessen sterben in der Nacht vom 30. November auf den 1. Dezember 1924 acht Menschen in einem Haus: Angehörige der Familie und vier Hausangestellte.

Fritz Angerstein, Mitte dreißig, Direktor der Kalkwerke van der Zypen, überlebt. Er ist verletzt und berichtet von einem Überfall.

Der inszenierte Überfall

Die Verletzungen hatte er sich selbst beigebracht.

Damit wiederholt sich, was sechzig Jahre zuvor in der Wilstermarsch geschehen war (Akte 022): Der Täter macht sich zum überlebenden Zeugen und liefert die erste Version der Ereignisse. Angerstein ging dabei einen Schritt weiter als Timm Thode — er verletzte sich, um glaubwürdig zu sein.

Warum die Inszenierung scheiterte

Genau daran zerbrach die Geschichte. Selbst beigebrachte Verletzungen unterscheiden sich von fremd zugefügten, und zwar auf eine Weise, die sich schlecht kontrollieren lässt.

Wer sich selbst verletzt, tut es an erreichbaren Stellen, meidet unwillkürlich lebenswichtige Bereiche und schneidet eher flach und mehrfach als tief und einmal. Ein Angreifer nimmt auf nichts davon Rücksicht.

Dazu kam die Untersuchung des Tatorts selbst: Spuren, Blutverteilung und die Abfolge der Ereignisse ließen sich mit einem Überfall nicht in Übereinstimmung bringen. Der Fall gilt deshalb bis heute als früher Lehrbuchfall dafür, dass der Tatort eine eigene Aussage macht — eine, die sich nicht widerrufen lässt.

Das Motiv

Angerstein hatte als Direktor Geld unterschlagen, nach den überlieferten Angaben rund 15.000 Mark. Eine Prüfung stand bevor.

Die Tat sollte die Aufdeckung verhindern. Das Missverhältnis zwischen Anlass und Folge gehört zu dem, was den Fall so verstörend machte: acht Tote, damit eine Unterschlagung nicht auffliegt.

Der Prozess in Limburg

Am 6. Juli 1925 beginnt in Limburg die Verhandlung. Angerstein wird des achtfachen Mordes für schuldig befunden und achtmal zum Tode verurteilt.

Am frühen Morgen des 17. November 1925 wird er im Zentralgefängnis Freiendiez mit dem Fallbeil hingerichtet.

„Tat ohne Täter“

Der Prozess war eines der großen Medienereignisse der Weimarer Republik. Zahlreiche Berichterstatter reisten an — darunter Siegfried Kracauer als Sonderkorrespondent der Frankfurter Zeitung.

Kracauer veröffentlichte eine Artikelserie, von der ein Text den programmatischen Titel „Tat ohne Täter“ trug. Sein Befund: Das Verfahren konnte die Tat rekonstruieren, aber es konnte den Menschen nicht fassen, der sie begangen hatte. Je genauer das Gericht wurde, desto weniger ergab die Person Angerstein einen Sinn.

Das ist eine Beobachtung, die im Archiv immer wiederkehrt — bei Apfelböck (Akte 005) ebenso wie hier. Ein Strafverfahren klärt, was geschah und wer es tat. Warum es geschah, liegt oft außerhalb dessen, was es leisten kann.

Der Fall im Buch

Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 026 auf Ebene I. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht mit dem Namen des Täters.

Zur BeweislageDie Höhe der Unterschlagung wird mit etwa 15.000 Mark angegeben; die Angaben schwanken. Auf die Schilderung von Tatdetails wird verzichtet.
Quellen 4
  1. Wikipedia: Fritz Angerstein — Link
  2. siwiarchiv.de: Vor 98 Jahren — Achtfacher Mord in Haiger — Link
  3. Bernd Stiegler: Tat ohne Täter (Konstanz University Press / Wallstein) — Link
  4. Siegfried Kracauer: Prozessberichte für die Frankfurter Zeitung, 1925
Onlinequellen abgerufen am 31. Juli 2026.

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Alle Fälle beruhen auf historischen Kriminalfällen (1820–1950) und wurden für dieses Rätselbuch nacherzählt.