Die Nacht auf den 1. Dezember 1924
In Haiger im heutigen Hessen sterben in der Nacht vom 30. November auf den 1. Dezember 1924 acht Menschen in einem Haus: Angehörige der Familie und vier Hausangestellte.
Fritz Angerstein, Mitte dreißig, Direktor der Kalkwerke van der Zypen, überlebt. Er ist verletzt und berichtet von einem Überfall.
Der inszenierte Überfall
Die Verletzungen hatte er sich selbst beigebracht.
Damit wiederholt sich, was sechzig Jahre zuvor in der Wilstermarsch geschehen war (Akte 022): Der Täter macht sich zum überlebenden Zeugen und liefert die erste Version der Ereignisse. Angerstein ging dabei einen Schritt weiter als Timm Thode — er verletzte sich, um glaubwürdig zu sein.
Warum die Inszenierung scheiterte
Genau daran zerbrach die Geschichte. Selbst beigebrachte Verletzungen unterscheiden sich von fremd zugefügten, und zwar auf eine Weise, die sich schlecht kontrollieren lässt.
Wer sich selbst verletzt, tut es an erreichbaren Stellen, meidet unwillkürlich lebenswichtige Bereiche und schneidet eher flach und mehrfach als tief und einmal. Ein Angreifer nimmt auf nichts davon Rücksicht.
Dazu kam die Untersuchung des Tatorts selbst: Spuren, Blutverteilung und die Abfolge der Ereignisse ließen sich mit einem Überfall nicht in Übereinstimmung bringen. Der Fall gilt deshalb bis heute als früher Lehrbuchfall dafür, dass der Tatort eine eigene Aussage macht — eine, die sich nicht widerrufen lässt.
Das Motiv
Angerstein hatte als Direktor Geld unterschlagen, nach den überlieferten Angaben rund 15.000 Mark. Eine Prüfung stand bevor.
Die Tat sollte die Aufdeckung verhindern. Das Missverhältnis zwischen Anlass und Folge gehört zu dem, was den Fall so verstörend machte: acht Tote, damit eine Unterschlagung nicht auffliegt.
Der Prozess in Limburg
Am 6. Juli 1925 beginnt in Limburg die Verhandlung. Angerstein wird des achtfachen Mordes für schuldig befunden und achtmal zum Tode verurteilt.
Am frühen Morgen des 17. November 1925 wird er im Zentralgefängnis Freiendiez mit dem Fallbeil hingerichtet.
„Tat ohne Täter“
Der Prozess war eines der großen Medienereignisse der Weimarer Republik. Zahlreiche Berichterstatter reisten an — darunter Siegfried Kracauer als Sonderkorrespondent der Frankfurter Zeitung.
Kracauer veröffentlichte eine Artikelserie, von der ein Text den programmatischen Titel „Tat ohne Täter“ trug. Sein Befund: Das Verfahren konnte die Tat rekonstruieren, aber es konnte den Menschen nicht fassen, der sie begangen hatte. Je genauer das Gericht wurde, desto weniger ergab die Person Angerstein einen Sinn.
Das ist eine Beobachtung, die im Archiv immer wiederkehrt — bei Apfelböck (Akte 005) ebenso wie hier. Ein Strafverfahren klärt, was geschah und wer es tat. Warum es geschah, liegt oft außerhalb dessen, was es leisten kann.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 026 auf Ebene I. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht mit dem Namen des Täters.