Die Nacht des 21. Oktober 1835
Johann Heinrich Rieber ist seit 1823 Schultheiß von Bönnigheim in Württemberg. In dieser Nacht wird er wenige Schritte von seiner Wohnung im sogenannten Kavaliersbau von hinten erschossen.
Zwei Tage später stirbt er an den Verletzungen.
Eine Ermittlung ohne Ergebnis
Ein Schuss aus dem Dunkeln, kein Zeuge, kein Täter. Die Ermittlungen führen zu nichts. Eine Belohnung wird ausgesetzt und nicht abgerufen.
Für eine Kleinstadt bedeutet das mehr als einen ungelösten Fall. Wenn der Bürgermeister erschossen wird und niemand zur Rechenschaft gezogen wird, bleibt der Verdacht im Ort — jeder könnte es gewesen sein, und darüber spricht man Jahrzehnte.
Ein Brief aus Amerika
Im April 1872 — siebenunddreißig Jahre nach der Tat — schreibt ein nach Amerika ausgewanderter Bönnigheimer namens Rupp einen Brief an Riebers Nachfolger im Amt, Stadtschultheiß Gottlieb Konrad Finckh.
Der Brief enthält Hinweise auf den Täter. Die Staatsanwaltschaft Heilbronn nimmt die Ermittlungen daraufhin wieder auf.
Der Täter war längst tot
Die Spur führt zu einem Mann, der Bönnigheim nach der Tat verlassen hatte und in die Vereinigten Staaten ausgewandert war.
Dort kämpfte er im Amerikanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Südstaaten unter Robert E. Lee — und fiel durch eine Kanonenkugel.
Als der Brief in Württemberg ankam, war der Gesuchte also seit Jahren tot, gestorben auf einem Schlachtfeld siebentausend Kilometer entfernt.
Einen Toten überführen
Damit stand die Justiz vor einer ungewöhnlichen Lage. Ein Verfahren gegen einen Verstorbenen gibt es nicht; es kann kein Urteil ergehen und keine Strafe folgen.
Was blieb, war die Feststellung selbst: Die Ermittlungen ergaben, wer geschossen hatte. Für Bönnigheim war das der eigentliche Ertrag — nach fast vier Jahrzehnten war klar, dass es keiner der lebenden Nachbarn gewesen war.
Siebenunddreißig Jahre
Der Fall gilt als der Kriminalfall mit der längsten Ermittlungsdauer im Deutschland des 19. Jahrhunderts. Bönnigheim hat sogar versucht, ihn ins Guinness-Buch der Rekorde eintragen zu lassen — ohne Erfolg.
Bemerkenswert ist etwas anderes: Er ist der einzige deutsche Mordfall jener Zeit, dessen Aufklärung aus Amerika kam. Die Auswanderungswelle des 19. Jahrhunderts, die Hunderttausende aus Südwestdeutschland über den Atlantik brachte, wirkte hier gewissermaßen zurück: Sie hatte den Täter fortgeschafft — und dreißig Jahre später den Zeugen, der ihn benannte.
Die Belohnung, 183 Jahre später
Die 1835 ausgesetzte Belohnung wurde nie ausgezahlt.
2018 holte Bönnigheim das symbolisch nach. Nachdem ein Buch über den Fall in New York einen True-Crime-Preis gewonnen hatte, wurde den Nachfahren des Briefschreibers im US-Bundesstaat Maryland ein Scheck überreicht.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 027 auf Ebene I. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht.