Zwei Söhne aus dem Revier
Johann Heitger, geboren am 13. September 1904, und sein Bruder Heinrich, geboren am 28. Juli 1907, stammten aus Gelsenkirchen und waren Bergmannssöhne.
Das Ruhrgebiet der späten zwanziger Jahre ist ein Ort, an dem Zehntausende junge Männer keine Aussicht auf eine Zukunft im Bergbau mehr haben. Vor dieser Kulisse spielt der Fall.
Juni 1927
Die Serie beginnt im Juni 1927. Die Brüder stehlen in Essen-Rüttenscheid ein Auto und überfallen in Essen-Byfang einen Sekretär der Knappschaft, der Sozialkasse der Bergleute.
Schon hier zeigt sich das Muster, das sie berüchtigt machen wird: Erst wird ein Wagen gestohlen, dann damit der Überfall gefahren.
Das Auto als Werkzeug
Diese Kombination war um 1927 neu und für die Polizei ein ernstes Problem.
Bis dahin war Fahndung räumlich gedacht: Wer einen Überfall beging, musste sich in der Nähe verstecken oder zu Fuß und mit der Bahn fliehen — beides gut kontrollierbar. Mit einem Auto ist der Täter eine Stunde später hundert Kilometer entfernt und in einem anderen Zuständigkeitsbereich. Die Polizei war motorisiert kaum aufgestellt.
Am 5. Mai 1928 stehlen die Heitgers zusammen mit Karl Lindemann und Willi Hübsche in Dortmund einen Wagen und überfallen mit Schusswaffen die Reichsbankfiliale in Gladbeck. Die Beute: 34.000 Mark.
Der Einbruch ins Passamt
Die Flucht führt über Frankfurt am Main und München bis nach Seehausen am Staffelsee.
Am 29. August 1928 begehen sie den Einbruch, der dem Fall bis heute seinen Rang gibt: Sie steigen in das Passamt des Münchner Polizeipräsidiums ein und nehmen mit, was sie brauchen — mehrere Blankoformulare, den Dienststempel der Polizei und zehn fertig ausgefüllte Pässe.
Das ist mehr als ein Diebstahl. Wer Blankopässe und den Stempel besitzt, kann sich selbst ausstellen, wer er sein möchte. Die Heitgers holten sich die Fähigkeit, andere Menschen zu werden, ausgerechnet bei der Behörde, die diese Fähigkeit verwaltet.
Köln, Agnesviertel
Mit Lindemann ziehen die Brüder nach Köln und wohnen dort zur Untermiete im Agnesviertel — unauffällige junge Männer in einem bürgerlichen Stadtteil.
Am 20. Oktober 1928 werden die beiden Heitgers und Karl Lindemann nach einer Schießerei festgenommen. Heinrich Heitger stirbt am 22. Oktober, sein Bruder Johann am 25. Oktober 1928 in Köln.
Zu einem Prozess gegen die Brüder kommt es damit nicht. Verurteilt wurde ihr Komplize.
„Bonnie und Clyde“ — vier Jahre zu früh
Die Presse machte aus den Heitgers ein Paar Gesetzloser im amerikanischen Stil. Der Vergleich mit Bonnie und Clyde, der später immer wieder gezogen wurde, hat allerdings einen Haken: Bonnie Parker und Clyde Barrow begannen ihre Serie erst 1932, vier Jahre nach dem Tod der Heitgers.
Der Vergleich sagt also weniger über die Brüder als über das Bedürfnis, sie einzuordnen. Was die Zeitgenossen tatsächlich beschrieben, war etwas anderes und Neues: motorisierte Kriminalität, die Ländergrenzen ignorierte, während die Polizei noch nach Bezirken organisiert war.
Es ist dasselbe Problem, an dem sich fünfzig Jahre zuvor schon die Donaumoosräuber vorbeigestohlen hatten (Akte 002) — nur mit Motor.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 028 auf Ebene I. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht.
Quellen 4
- Wikipedia: Brüder Heitger — Link
- Westdeutsche Zeitung: Die Blutspur der Brüder Heitger — Link
- zwanzigerjahre.de: Wilder Westen tief im Westen? (Rezension) — Link
- Anselm Weyer: Wie die ruchlosen Brüder Heitger und ihre Spießgesellen eine Blutspur durch halb Deutschland zogen (Greven Verlag)