Mainz, 1919
Nach dem Ersten Weltkrieg wird Maria Einsmann, geboren 1885, aus einer Munitionsfabrik entlassen. Millionen Frauen ergeht es ebenso: Während des Krieges wurden sie in der Rüstung gebraucht, danach räumten sie die Stellen für die heimkehrenden Männer.
Gemeinsam mit ihrer Freundin Helene Müller geht sie nach Mainz, um neu anzufangen. Arbeit für eine Frau gibt es dort kaum — und schon gar keine, von der sich mehrere Menschen ernähren ließen.
Ein Anzug mit Papieren darin
Sie besitzt noch einen Anzug ihres getrennt lebenden Mannes Joseph. In der Tasche stecken seine Papiere.
Das ist der ganze Vorgang. Kein Plan, keine Fälschung, kein Komplize — ein Kleidungsstück und ein Ausweis, die zusammen etwas ermöglichen, das ihr als Frau verschlossen war: eine Anstellung.
Von da an ist sie Joseph Einsmann.
Zwölf Jahre
Von 1919 bis 1931 lebt und arbeitet sie unerkannt als Mann. Sie gilt als fleißiger Arbeiter, singt in zwei Kirchenchören und wird in der Nachbarschaft als Familienvater wahrgenommen.
Denn eine Familie gibt es: Sie ernährt sich, ihre Lebensgefährtin Helene Müller und deren zwei Töchter. Zwölf Jahre lang funktioniert das — in einer Stadt, in einem Betrieb, in einer Gemeinde, unter Nachbarn.
Das ist der bemerkenswerteste Teil des Falls. Es handelt sich nicht um einen kurzen Schwindel, sondern um ein ganzes Leben, das über mehr als ein Jahrzehnt trägt.
Der Arbeitsunfall
Aufgedeckt wird alles durch einen Zufall. Nach einem Arbeitsunfall befasst sich die Sozialversicherung mit dem Fall — und stößt darauf, dass es zwei Joseph Einsmanns mit identischen Daten gibt.
Nicht ein Verdacht führte zur Aufdeckung, sondern eine Datenabgleichung. Was zwölf Jahre lang keinem Menschen aufgefallen war, fiel einer Verwaltung binnen kurzem auf.
Der Prozess
1931 wird sie enttarnt; 1932 stehen Maria Einsmann und Helene Müller vor Gericht. Der Vorwurf lautete unter anderem auf Kindesunterschiebung — eine Anklage, die sich daran entzündete, dass die Kinder im Haushalt als die seinen galten.
Der Fall machte Schlagzeilen weit über Mainz hinaus und wurde international aufgegriffen. Das Urteil fiel milde aus.
Bemerkenswert ist, was hier eigentlich verhandelt wurde. Es gab kein Opfer im üblichen Sinn: Niemand war geschädigt, die Arbeit war geleistet, die Familie versorgt. Strafbar war die Rolle selbst.
Wie man den Fall heute liest
Über die Deutung wird bis heute diskutiert, und sie fällt unterschiedlich aus.
Die eine Lesart betont die wirtschaftliche Not: eine Frau, die in einer Zeit ohne Aussicht auf Frauenarbeit tut, was nötig ist, um vier Menschen zu ernähren. So ist der Fall in Mainz lange erzählt worden, und so lautet auch der Titel des Films von Barbara Trottnow — „Die Kunst, Arbeit zu finden“.
Die andere Lesart ordnet den Fall in die Geschichte geschlechtlicher Vielfalt ein und verweist darauf, dass hier jemand zwölf Jahre lang nicht eine Rolle spielte, sondern ein Leben führte.
Aus den Quellen lässt sich das nicht entscheiden. Was überliefert ist, sind Aussagen aus einem Strafverfahren — also aus einer Lage, in der die wirtschaftliche Begründung die einzige war, die vor Gericht helfen konnte.
Mainz erinnert
Am 6. März 2020 wurde ein kleiner Platz zwischen Langgasse und Kötherhofstraße in Maria-Einsmann-Platz umbenannt. Zwei Tage später zeigten Frauenbüro und Haus des Erinnerns den Film über ihr Leben.
Inzwischen gibt es zudem den Dokumentarfilm „Frau Vater — Die Geschichte der Maria Einsmann“.
Aus einer Angeklagten ist damit eine Person geworden, an die eine Stadt offiziell erinnert.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 029 auf Ebene I. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich das entscheidende Mittel, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht.
Quellen 4
- Stadt Mainz: Die Frau in Männerkleidung — Der Fall Maria Einsmann — Link
- Haus des Erinnerns Mainz: Maria Einsmann — Link
- Wikipedia: Maria Einsmann — Link
- Ministerium für Wissenschaft und Gesundheit Rheinland-Pfalz: Premiere des Dokumentarfilms „Frau Vater“ — Link