Hennig ist überall

Berlin · 1905/06 · Akte 031
StartLösungenAkte 031 › Der wahre Fall
Ein arbeitsloser Kellner zahlte 1905 eine Kaution für eine Stelle, die es nie gab, und wurde dafür erschossen. Die Flucht des Täters über die Berliner Dächer wurde verfilmt — und führte zur Einführung der Filmzensur in Deutschland.
Ort und ZeitBerlin, 1905/06
TatwaffeREVOLVER
Täter / TäterinRudolf Hennig
Im BuchAkte 031, Ebene I — LEICHT

Eine Stelle gegen Kaution

Am 5. Dezember 1905 lockt Karl Rudolf Hennig den 21-jährigen arbeitslosen Kellner August Giernoth in den Glienicker Forst. Der Vorwand: Er könne ihm eine Anstellung verschaffen — gegen eine Kaution.

Das ist eine Masche, die nur in einer bestimmten Lage funktioniert. Wer Arbeit hat, zahlt nicht dafür, welche zu bekommen. Giernoth war arbeitslos, jung und bereit, sein Geld einzusetzen, um wieder in Stellung zu kommen.

Am 9. Dezember 1905 wird sein Leichnam nahe einer Straße nach Wannsee gefunden, getötet durch zwei Schüsse.

Die Flucht über die Dächer

Die Ermittlungen ergeben schnell, dass Hennig der Letzte war, der das Opfer lebend gesehen hatte. Er wird zur Fahndung ausgeschrieben.

Bei dem Versuch, ihn festzunehmen, entkommt er über die Dächer. Diese Flucht — mitten in Berlin, über die Dachlandschaft der Mietskasernen — macht aus einem Raubmord ein Stadtgespräch.

Hennig bleibt anschließend noch mehrere Tage in Berlin und setzt sich dann mit einem Bekannten nach Stettin ab, wo er sich teils durch Heiratsschwindel, teils durch Diebstähle über Wasser hält.

„Hennig ist überall“

In Berlin entsteht in diesen Wochen ein geflügeltes Wort: „Hennig ist überall.“

Es beschreibt eine Stimmung, die man aus anderen Großfahndungen kennt — jede Gestalt in der Dämmerung könnte er sein. Zugleich hat der Satz einen spöttischen Unterton, der sich gegen die Polizei richtet: Wenn er überall ist, ist er nirgends zu fassen.

Am 6. Februar 1906 trifft ein Kriminalbeamter auf der Schönhauser Allee in Berlin zufällig auf Hennig und nimmt ihn fest. Noch im selben Jahr wird er in Plötzensee hingerichtet.

Der Film

Noch während der Fahndung entstand ein kurzer Film mit dem Titel „Die Flucht und Verfolgung des Raubmörders Rudolf Hennig über die Dächer von Berlin“.

Das Kino war 1905 ein junges Medium, das vor allem auf Jahrmärkten und in Ladenkinos lief. Aktuelle Ereignisse nachzustellen und binnen Wochen zu zeigen, war neu — und offenbar erfolgreich.

Wie daraus die Filmzensur wurde

Der Berliner Polizeipräsident verbot den Film. Die Begründung: Er setze die Polizei herab und greife in ein laufendes Verfahren ein. Am 18. April 1906 wurde das Verbot wieder aufgehoben.

Die eigentliche Folge kam kurz darauf. Am 5. Mai 1906 erging eine Polizeiverordnung, nach der jeder in Berlin gezeigte Film vorher der Polizei vorzulegen war.

Das war der entscheidende Schritt. Bis dahin galt Nachzensur: Die Behörde konnte einen Film erst verbieten, wenn er bereits lief. Von nun an musste er vorab genehmigt werden. Aus einem Raubmord an einem arbeitslosen Kellner war damit die deutsche Filmzensur entstanden.

Der Fall gehört deshalb weniger in die Kriminalgeschichte als in die Mediengeschichte. Er markiert den Punkt, an dem der Staat merkte, dass das neue Medium schneller ist als er.

Der Fall im Buch

Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 031 auf Ebene I. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht mit dem Namen des Täters.

Quellen 5
  1. Wikipedia: Karl Rudolf Hennig — Link
  2. kinematographie.de: Rudolf Hennig oder die Erfindung der Filmzensur — Link
  3. Hugo Friedländer: Interessante Kriminalprozesse — Der Raubmörder Hennig (zeno.org) — Link
  4. Wikisource: Der Raubmörder Hennig (zeitgenössischer Text) — Link
  5. Berliner Zeitung: Bluttat im Wald — wie ein Mörder vor mehr als 100 Jahren ganz Berlin in Atem hielt — Link
Onlinequellen abgerufen am 31. Juli 2026.

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Alle Fälle beruhen auf historischen Kriminalfällen (1820–1950) und wurden für dieses Rätselbuch nacherzählt.