19. August 1926, 2.10 Uhr
Zwischen Leiferde und Meinersen im Kreis Gifhorn entgleist in dieser Nacht der Nachtschnellzug D 174 von Berlin nach Amsterdam.
21 Menschen sterben. Es ist bis dahin der folgenschwerste Anschlag auf den Eisenbahnverkehr in Deutschland.
Zwei Wandermusiker
Die Täter sind Otto Schlesinger, 21 Jahre alt, und Willy Weber, 22 — beide Wandermusiker.
Mit Werkzeug, das sie von einer nahen Brückenbaustelle gestohlen hatten, beschädigten sie ein Stück Gleis. Ihr Ziel war nicht der Zug und schon gar nicht die Reisenden: Sie wollten einen Bahnpostwagen ausrauben. Der Zug sollte anhalten.
Was schiefging
Der Plan beruhte auf zwei Annahmen, die beide falsch waren.
Die erste: dass ein beschädigtes Gleis einen Zug zum Halten bringt. Tatsächlich bringt es ihn zum Entgleisen — bei Nacht, bei Streckengeschwindigkeit, mit voller Zuglast.
Die zweite: dass der Zug kommt, den man erwartet. Es kam ein anderer.
Aus einem geplanten Postraub wurde damit eine Katastrophe mit 21 Toten. Juristisch bleibt es Mord — wer ein Gleis beschädigt, nimmt in Kauf, was daraus folgt. Menschlich aber ist es der Fall zweier Zwanzigjähriger, die etwas in Gang setzten, dessen Ausmaß sie nicht erfasst hatten.
Festnahme und Urteil
Am 8. September 1926 werden beide von der Hannoveraner Polizei festgenommen. Am 4. November 1926 verurteilt sie das Landgericht Hildesheim zum Tode.
Ein ungewöhnliches Gnadengesuch
Was diesen Fall aus allen anderen heraushebt, ist das, was danach geschah. Für die beiden Verurteilten setzte sich eine Öffentlichkeit ein, die man bei Raubmördern nicht erwartet.
Ein Gnadengesuch, unterzeichnet unter anderem von Albert Einstein, Max Liebermann und Otto Dix, ging am 7. Februar 1927 an den Ministerpräsidenten des preußischen Staatsministeriums. 1927 wurden Schlesinger und Weber zu lebenslangem Zuchthaus begnadigt.
Der Zusammenschluss dieser drei Namen ist bemerkenswert: ein Physiker, ein Maler des Impressionismus und ein Maler, der den Krieg gemalt hatte wie kein anderer. Es ging ihnen erkennbar nicht darum, die Tat kleinzureden.
Es ging um die Todesstrafe. In der Weimarer Republik war deren Abschaffung eine offene politische Frage; im Reichstag lagen entsprechende Entwürfe. Der Fall Leiferde war für diese Debatte ein Prüfstein — gerade weil er so schwer wog. Wer hier gegen die Vollstreckung eintrat, argumentierte nicht mit Mitleid, sondern grundsätzlich.
Was der Fall bedeutet
Leiferde steht am Anfang einer Reihe von Anschlägen auf Bahnanlagen, die die Reichsbahn in den folgenden Jahren beschäftigen sollten, und führte zu verschärften Kontrollen entlang der Strecken.
Vor allem aber zeigt er, wie weit Absicht und Ergebnis auseinander liegen können. Zwei Männer wollten einen Postwagen ausrauben. Am Ende standen 21 Tote, zwei Todesurteile und eine Debatte über die Todesstrafe, in der sich die prominentesten Köpfe der Republik zu Wort meldeten.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 033 auf Ebene I. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich das Werkzeug, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht.