Ein Pfarrer mit einer Leidenschaft
Johann Georg Tinius wird am 22. Oktober 1764 in Staakow in der Niederlausitz geboren. Er studiert Theologie, unterrichtet von 1795 bis 1798 am Gymnasium in Schleusingen und wird 1798 Pfarrer in Heinrichs bei Suhl.
Er ist gebildet, schreibt selbst und gilt als gelehrter Mann. Und er sammelt Bücher — mit einer Ausdauer und in einem Umfang, der weit über das hinausgeht, was ein Pfarrgehalt tragen kann.
Die Bibliothek
Was Tinius zusammentrug, gehörte zu den bedeutendsten Privatbibliotheken seiner Zeit.
Man muss sich klarmachen, was das im frühen 19. Jahrhundert bedeutete. Bücher waren teuer, Sammlungen dieser Größe standen an Höfen und Universitäten. Ein Landpfarrer, der eine solche Bibliothek besitzt, fällt auf — und die Frage, woher das Geld kommt, stellt sich von selbst.
Die Vorwürfe
Genau diese Frage wurde zur Anklage. Tinius wurde vorgeworfen, Kirchengelder veruntreut, geraubt und dabei zwei Menschen getötet zu haben — um seine Sammelleidenschaft zu finanzieren.
Ein Motiv dieser Art ist ungewöhnlich genug, um im Gedächtnis zu bleiben. Es hat den Fall über zwei Jahrhunderte am Leben erhalten und immer wieder Schriftsteller angezogen; noch 1946 erschien ein Drama über ihn.
Zehn Jahre Verfahren
Das Verfahren zog sich über mehr als zehn Jahre. 1823 fiel das Urteil: zwölf Jahre Zuchthaus.
Ein Geständnis gab es nicht. Die Verurteilung beruhte auf Indizien — auf der Unerklärlichkeit seiner Ausgaben, auf Zeitpunkten, auf Beobachtungen.
Damit steht der Fall neben zwei anderen in diesem Archiv: Johann Berchtold (Akte 003) und Karl Hau (Akte 014). Drei Männer, drei Indizienurteile, drei Verurteilte, die bis zuletzt bestritten. Was sie verbindet, ist nicht die Tat, sondern die Beweisform.
Die Versteigerung
Noch während des Verfahrens zerbrach sein Leben auch privat. Seine Frau ließ sich scheiden und die Bibliothek 1821 öffentlich versteigern — bei Weigel in Leipzig.
Die Sammlung, um derentwillen er getötet haben soll, war damit aufgelöst, bevor das Urteil überhaupt gesprochen war. Teile davon gingen in andere Hände; überliefert ist, dass Goethe Werke daraus erwarb, jedenfalls für die Bibliothek in Jena.
Es ist ein Detail mit eigener Ironie: Bücher aus der Sammlung eines verurteilten Mörders stehen seither in einer der ehrwürdigsten Bibliotheken Deutschlands.
Nach der Haft
1835 wird Tinius entlassen, 71 Jahre alt und mittellos. Zeitweise lebt er in einem Armenhaus in Zeitz.
Am 24. September 1846 stirbt er in Gräbendorf bei Königs Wusterhausen. Seine Unschuld hat er zeitlebens beteuert.
Warum der Fall diskutiert wird
Bis heute gehen die Einschätzungen auseinander. Für die eine Seite ist Tinius der Prototyp des besessenen Sammlers, der über Leichen ging. Für die andere ein Mann, dessen auffälliger Reichtum an Büchern ihn verdächtig machte, ohne dass ihm je etwas nachgewiesen wurde.
Was sich sagen lässt: Ein zehnjähriges Verfahren ohne Geständnis, das mit zwölf Jahren Zuchthaus endet und nicht mit dem Tod, spricht dafür, dass auch das Gericht seiner Sache nicht vollkommen sicher war. Für zwei nachgewiesene Morde wäre das Strafmaß dieser Zeit ein anderes gewesen.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 035 auf Ebene I. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht.
Quellen 5
- Wikipedia: Johann Georg Tinius — Link
- Deutsche Biographie: Tinius, Johann Georg — Link
- Literaturport: Johann Georg Tinius — Link
- Förderverein St. Ulrich Heinrichs: Johann Georg Tinius — Link
- geschichte-verbrechen.de: Der mörderische Pfarrer Tinius — Link