Eine Herkunft, die verschwiegen wurde
Christiane Nanette Ruthardt kommt am 11. August 1804 in Stuttgart zur Welt — als uneheliche Tochter der Witwe Henriette von Lehsten und des Hofarztes Karl Christian von Klein.
Sie wächst unter falschem Namen bei Pflegefamilien in Ludwigsburg auf und arbeitet als Dienstmagd. Erst mit zwanzig erfährt sie, wer ihre Eltern sind.
Eine Gönnerin hinterlässt ihr 400 Gulden. Das ist für eine Magd ein Vermögen — und es ist alles, was sie besitzt. Sie bringt es als Mitgift in ihre Ehe.
Die Ehe
Am 28. Juli 1839 heiratet sie den Stuttgarter Goldarbeiter Karl Eduard Gottlieb Ruthardt.
Eduard Ruthardt verliert seine Arbeit. Und er fasst eine Idee, die ihn nicht mehr loslässt: Er will ein Perpetuum mobile bauen — eine Maschine, die ohne Energiezufuhr immer weiterläuft.
Eine Maschine, die es nicht geben kann
Die Physik hatte die Frage längst entschieden; Akademien nahmen entsprechende Einsendungen schon seit dem 18. Jahrhundert nicht mehr an. Das hinderte im 19. Jahrhundert eine erstaunliche Zahl von Bastlern nicht daran, es zu versuchen.
Ruthardt kaufte Bücher und Gerät. Er verbrauchte das gesamte Vermögen seiner Frau — jene 400 Gulden — und machte darüber hinaus erhebliche Schulden.
Das Ehepaar war damit nicht nur arm, sondern verschuldet. Und die Ursache war kein Unglück, kein Krankheitsfall und keine schlechte Ernte, sondern die Beharrlichkeit eines Mannes, der etwas Unmögliches wollte.
Kein Ausweg
Hier liegt der Kern des Falls. Eine Scheidung war nach damaligem Recht praktisch nicht möglich.
Christiane Ruthardt konnte nicht gehen, konnte nicht über ihr eigenes eingebrachtes Vermögen verfügen und konnte die Schulden nicht abwenden, die ihr Mann in ihrer beider Namen aufnahm. Wer in dieser Lage war, hatte keine rechtliche Tür.
Das erklärt die Tat nicht und entschuldigt sie nicht. Aber es beschreibt, warum Giftmorde durch Ehefrauen in der Kriminalstatistik des 19. Jahrhunderts einen Platz haben, der heute rätselhaft wirkt.
Das Arsen
Sie suchte mehrere Ärzte auf, um Arsenik zu bekommen, mit der Begründung, sie brauche es gegen Ratten. Das Mittel mischte sie ihrem Mann unter Essen und Arznei.
Am 11. Mai 1844 stirbt Eduard Ruthardt.
Dass sie das Gift bei verschiedenen Ärzten besorgte, wurde ihr später zum Verhängnis: Jeder einzelne Bezug war unauffällig, die Summe war es nicht.
Urteil und Hinrichtung
Am 23. Dezember 1844 ergeht in erster Instanz das Todesurteil, am 7. Juni 1845 die Entscheidung der zweiten Instanz.
Am 27. Juni 1845 um sechs Uhr morgens wird Christiane Ruthardt auf der Feuerbacher Heide mit dem Schwert hingerichtet.
Es ist die letzte öffentliche Hinrichtung in Stuttgart. Im Königreich Württemberg insgesamt folgte noch eine weitere, drei Jahre später bei Backnang (Akte 036).
Was bleibt
Der Fall gehört zu den bekanntesten Giftmordprozessen des württembergischen Vormärz und ist bis heute Stoff für Romane.
Was ihn über die Tat hinaus interessant macht, ist die Konstellation: eine Frau ohne Herkunft, ohne Rechte und ohne Ausweg, und ein Mann, der das Geld beider in eine Maschine steckte, von der die Wissenschaft längst wusste, dass sie nicht laufen kann.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 037 auf Ebene I. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht mit dem Namen der Täterin.
Quellen 4
- Wikipedia: Christiane Ruthardt — Link
- Deutsche Digitale Bibliothek: Verfahren gegen Christine Ruthardt wegen Giftmord (Archivgut, Landesarchiv Baden-Württemberg) — Link
- Peter Lang Verlag: Der Fall Christiane Ruthardt (1845) — Link
- Stuttgarter Nachrichten: Todesstrafe in Württemberg — Gift für den Gatten — Link