Eine Kneipe in Barmbek
Julius Adolf Petersen, geboren am 7. Oktober 1882, betreibt ab 1904 in Hamburg-Barmbek eine Kneipe.
Barmbek ist damals ein Arbeiterstadtteil: Kohlenträger, Hafenarbeiter, Tagelöhner. In Petersens Lokal verkehren beide Seiten dieser Welt — die, die arbeiten, und die, die einbrechen.
Aus einer Kneipe wird ein Konzern
Aus dem Wirt wird der Kopf einer Bande, die zeitweise bis zu 200 Mitglieder zählt. Sie nennt sich zunächst „Barmbecker Einbrechergesellschaft“, später „Petersen-Konzern“.
Schon der zweite Name ist ein Programm. Hier organisiert sich nicht eine Gruppe von Gelegenheitsdieben, sondern ein Verbund mit Arbeitsteilung und Führung.
Rechtsschutz und Unterstützungskasse
Das Bemerkenswerteste an Petersens Organisation ist etwas, das man bei einer Einbrecherbande nicht erwartet: Wer verhaftet wurde, bekam einen guten Anwalt gestellt. Wessen Familie ohne Ernährer dastand, wurde unterstützt.
Das war kein Edelmut, sondern Betriebswirtschaft. Ein Mitglied, das einen Anwalt hat und dessen Familie versorgt ist, schweigt. Eines, das allein in der Zelle sitzt und weiß, dass seine Kinder hungern, redet.
Auffällig ist, woher die Form stammt. Rechtsschutz und Unterstützungskasse waren genau die beiden Einrichtungen, mit denen sich zur selben Zeit die Gewerkschaften und Arbeitervereine organisierten — in denselben Stadtteilen, unter denselben Menschen. Petersen übernahm für seine Bande die Organisationsform der Arbeiterbewegung.
Der Lord
Seinen Beinamen verdankte er zwei Dingen: seiner stets korrekten Kleidung und einem Ehrenkodex, an den er sich hielt.
„Lord von Barmbeck“ ist damit weniger Spott als Beschreibung. Er trat auf wie ein Geschäftsmann und führte seine Leute wie ein Prinzipal.
Als er auspackte
Am Ende brachte dieselbe Organisation, die ihn stark gemacht hatte, das gesamte Milieu zu Fall — weil Petersen umfassend gestand.
Die Zahlen sind für einen einzelnen Fall außergewöhnlich: Die Hamburger Polizei sammelte rund zwanzig Regalmeter Akten zu ihm. Über die Jahre wurden etwa 200 Straftaten gegen ihn verhandelt, 400 Menschen mussten aussagen, und infolge seiner Geständnisse ergingen rund 3.000 Haftbefehle.
Wer eine Organisation aufbaut, schafft Struktur — und Struktur lässt sich rekonstruieren. Ein Einzelgänger kann nur die eigenen Taten gestehen. Der Kopf eines Verbunds kennt jeden.
Memoiren aus Fuhlsbüttel
1927 schrieb Petersen im Gefängnis Fuhlsbüttel seine Erinnerungen nieder, in denen er sich selbst mit einiger Selbstironie als Gezeichneten seiner eigenen Taten beschrieb.
Er starb am 21. November 1933. In den 1970er Jahren wurde sein Leben für das Kino verfilmt — womit er sich in eine Reihe einordnet, die dieses Archiv durchzieht: Wilhelm Voigt (Akte 007), Georges Manolescu (Akte 015), Harry Domela (Akte 019). Vier Männer, die Verbrechen mit Stil begingen und deren Geschichten deshalb erzählt wurden, während die ihrer Opfer verschwanden.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 040 auf Ebene I. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich das Werkzeug, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht mit dem Namen des Täters.