Eine Tochter aus gutem Haus
Grete Beier kommt am 15. September 1885 zur Welt, als Tochter eines Bürgermeisters.
Das ist für den Fall wesentlich. Ihre gesellschaftliche Stellung war der Grund, warum zunächst niemand an ihr zweifelte — und später der Grund, warum das Verfahren im ganzen Königreich verfolgt wurde.
Zwei Verlobungen
1905 lernt sie den Kaufmann Johannes Heinrich Merker kennen und verlobt sich heimlich mit ihm, ohne Wissen der Eltern. Sie löst die Verbindung wegen seiner Untreue.
1906 lernt sie den Oberingenieur Heinrich Moritz Curt Pressler kennen. Diese Verlobung ist die offizielle, die standesgemäße, die angekündigte.
Der Tag vor der Hochzeit
In Pressers Chemnitzer Wohnung gibt sie ihm Zyankali. Als das nicht zum Ziel führt, erschießt sie ihn mit einem Revolver.
Der Schuss ist so gesetzt, dass er wie ein Selbstmord aussieht. Daneben deponiert sie einen Abschiedsbrief und ein Testament zu ihren Gunsten — beides von ihr gefälscht.
Eine Inszenierung unter vielen
Die vorgetäuschte Selbsttötung gehört zu den häufigsten Tatverdeckungen überhaupt, und dieses Archiv kennt mehrere Varianten: Marie Strauß richtete 1861 ein Erhängen am Webstuhl her (Akte 024), Timm Thode erfand 1866 einen Überfall (Akte 022), Fritz Angerstein verletzte sich 1924 selbst, um Opfer zu sein (Akte 026).
Alle diese Inszenierungen scheitern an derselben Stelle. Sie müssen gleich mehrere Dinge zugleich stimmig machen: den Ort, den Körper, die Papiere und die Vorgeschichte. Ein einziger Widerspruch genügt.
Bei Grete Beier waren es gleich mehrere: Die Abschiedszeilen wirkten seltsam, das Testament zugunsten der Verlobten war auffällig frisch, und der Befund am Leichnam passte nicht zu dem, was ein Selbstmord hinterlässt.
Das Geständnis
Grete Beier gestand die Tat.
Als Motiv gilt, dass sie frei sein wollte — für einen anderen Mann und für ein anderes Leben, ohne den Skandal einer gelösten Verlobung kurz vor der Hochzeit.
Der 23. Juli 1908
An diesem Morgen um halb sieben wird Grete Beier im Hof des Gerichtsgebäudes in Freiberg mit dem Fallbeil hingerichtet. Sie ist 22 Jahre alt.
Anwesend sind fast 200 Zuschauer.
Diese Zahl beschreibt genau den Zustand, in dem sich die Hinrichtungspraxis 1908 befand. Öffentlich im alten Sinn — auf dem Marktplatz, für jeden — war sie längst nicht mehr; die letzte solche fand 1864 statt (Akte 024). Aber sie war auch nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit: Man lud aus, man kam als geladener Zeuge, und man berichtete davon.
Grete Beier war der letzte Mensch, der im Königreich Sachsen hingerichtet wurde.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 041 auf Ebene II. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht mit dem Namen der Täterin.