Der Kameradenmord auf dem Witthoh

Witthoh bei Tuttlingen, Württemberg · 1862 · Akte 042
StartLösungenAkte 042 › Der wahre Fall
Italienische Bahnarbeiter machten sich im Winter 1861 auf den Heimweg. Einer von ihnen hatte gespart und den anderen Geld geliehen. Er kam nicht an.
Ort und ZeitWitthoh bei Tuttlingen, Württemberg, 1862
TatwaffeBEIL
Täter / TäterinDie eigenen Reisekameraden (vier Todesurteile)
Im BuchAkte 042, Ebene II — MITTEL

Italiener beim Bahnbau

In den 1860er Jahren entstehen in Württemberg neue Eisenbahnstrecken. Gearbeitet wird zu einem erheblichen Teil von Wanderarbeitern aus Italien — Steinhauer, Erdarbeiter, Maurer, viele davon aus dem Trentino.

Sie kommen für die Saison, wohnen in Baracken, arbeiten in Kolonnen und ziehen im Winter zurück nach Hause. Es ist eine der frühen Arbeitsmigrationen Europas — organisiert, saisonal und weitgehend rechtlos.

Zu ihnen gehört Eugenio Chiogna, Steinhauer.

Der Sparsame

Chiogna galt als sparsam. Er legte zurück, was er verdiente — und lieh seinen Reisegefährten Geld.

Damit war er zweierlei zugleich: der Einzige in der Gruppe, der etwas bei sich trug, und der Gläubiger derer, die neben ihm gingen. Wer ihn tötete, gewann nicht nur seine Ersparnisse. Er löschte auch seine eigenen Schulden.

Der Heimweg

Im Dezember 1861 sind die Männer unterwegs. Auf dem Witthoh, einer Anhöhe bei Tuttlingen, wird Chiogna überfallen.

Zunächst wurde versucht, ihn zu vergiften; das misslang. Dann schlugen sie ihn mit einem Beil nieder und trugen ihn in den Wald, wo er getötet wurde.

Neunundvierzig

Der Fund erfolgte erst am 19. März 1862 — der Leichnam lag im Gebüsch, weit fortgeschritten verwest.

Die Gerichtsmediziner dokumentierten 49 Beilhiebe.

Diese Zahl ist nicht als Schauerdetail überliefert, sondern als Beweismittel. Sie zeigt, dass hier nicht ein Mann zuschlug, sondern mehrere — und sie war die Grundlage dafür, die Tat einer Gruppe zuzurechnen.

Bemerkenswert ist der Vergleich mit Matzdorf 1839 (Akte 025), wo ein ganzes Dorf auf den Gutsherrn einschlug. Dort scheiterte die Zurechnung daran, dass sich kein tödlicher Schlag zuordnen ließ; verurteilt wurde am Ende nur der Anstifter. Hier gelang sie — 23 Jahre später und mit besserer Gerichtsmedizin.

Schaffhausen

Die Männer flohen über die Grenze. Acht Italiener wurden in Schaffhausen in der Schweiz gefasst und nach Württemberg ausgeliefert.

Eine Auslieferung über Staatsgrenzen hinweg war 1862 keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Verfahren zwischen zwei souveränen Staaten. Dass es hier funktionierte, gehört zu den Gründen, warum der Fall überhaupt vor Gericht kam.

Der Prozess in Rottweil

Vom 27. März bis zum 2. Mai 1863 verhandelt das Landgericht Rottweil — ein für die Zeit außergewöhnlich langer Prozess.

Vier der Angeklagten wurden 1863 in Rottweil mit der Guillotine hingerichtet, drei erhielten Zuchthausstrafen.

Warum der Fall nachwirkt

In der Region ist der „Italienermord“ bis heute präsent und beschäftigt Kriminalisten wie Heimatforscher.

Sein bleibendes Interesse liegt weniger in der Tat als in dem, was sie sichtbar macht: eine Gruppe von Wanderarbeitern, die monatelang gemeinsam arbeitete, gemeinsam wohnte und gemeinsam heimging — und in der Geld genügte, um aus Kameraden Täter zu machen.

Der Fall im Buch

Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 042 auf Ebene II. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht.

Zur BeweislageZur Datierung finden sich unterschiedliche Angaben: Die Tat wird auf Dezember 1861 datiert, der Leichenfund auf den 19. März 1862; verbreitet wird der Fall unter der Jahreszahl 1862 geführt. Wie sich die Tatbeiträge der acht Festgenommenen im Einzelnen verteilten, war Gegenstand des Verfahrens.
Quellen 4
  1. Schwäbische Zeitung: „Italienermord“ von 1862 — Die Bluttat auf dem Witthoh zieht Kriminologen immer noch in den Bann — Link
  2. booknerds.de: Rezension zu Manfred Teufel — Ein schauderhafter Kameradenmord im 19. Jahrhundert — Link
  3. Udo Bürger: Historische Kriminalfälle in Württemberg (Leseprobe, ibidem) — Link
  4. Manfred Teufel: Ein schauderhafter Kameradenmord im 19. Jahrhundert
Onlinequellen abgerufen am 31. Juli 2026.

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