Der 29. Juni 1921
Im Wald zwischen Heidelberg und Neckargemünd werden Oberbürgermeister Wilhelm Busse und Bürgermeister Leopold Werner aus Herford erschossen.
Zwei westfälische Kommunalpolitiker, getötet auf einer Reise, hunderte Kilometer von zu Hause entfernt, in einem Waldstück.
Warum alle an Politik dachten
1921 lag der Verdacht eines politischen Attentats nahe — näher als jeder andere.
Die junge Republik erlebte in diesen Jahren eine Serie politischer Morde. Wenige Wochen nach dieser Tat wurde Reichsfinanzminister Matthias Erzberger erschossen, ein Jahr später Außenminister Walther Rathenau. Wenn zwei Amtsträger im Wald sterben, denkt eine solche Zeit zuerst an ein Attentat.
Diese Annahme prägte die ersten Ermittlungen — und sie war falsch. Das Motiv war Habgier.
Der Verdächtige
Die Spur führte zu Leonhard Siefert, um 1898 geboren, Eisenbahnschmied aus Olfen bei Beerfelden im Odenwald. Er war 23 Jahre alt.
Kein Attentäter, kein Mitglied einer Organisation, kein politischer Zusammenhang — ein junger Handwerker.
Ein neuer Prozesstyp
Im Januar 1922 verhandelte das Heidelberger Schwurgericht sechs Tage lang. Der Prozess gilt als einer der ersten modernen Indizienprozesse der deutschen Rechtsgeschichte.
Verwendet wurden Fingerabdrücke, Blutuntersuchungen und Pflanzenreste vom Tatort.
Gerade die botanischen Spuren waren neu. Der Gedanke dahinter ist einfach und wirkungsvoll: Wer sich durch ein bestimmtes Waldstück bewegt, nimmt Samen, Blattreste und Pollen an Kleidung und Schuhen mit. Diese Zusammensetzung ist ortstypisch. Sie lässt sich nicht abstreiten, weil der Träger sie nicht bemerkt.
Zwei Arten von Indizien
Der Fall markiert damit eine Zäsur, die sich im Vergleich zeigt.
1896 wurde in München Johann Berchtold verurteilt (Akte 003) — auf Grundlage von Zeugen, die glaubten, ihn gesehen zu haben, und auffälligem Geldbesitz. 1907 traf es Karl Hau in Karlsruhe (Akte 014) auf ähnlicher Grundlage.
1922 ist die Beweisführung eine andere. Nicht mehr: Menschen erinnern sich. Sondern: Spuren lassen sich messen.
Beide Verfahren heißen Indizienprozess, und in beiden bestritt der Angeklagte. Aber die Qualität dessen, worauf sich das Gericht stützte, hat sich grundlegend verändert.
Urteil und Hinrichtung
Siefert wurde zum Tode verurteilt. Am 29. Juli 1922 wurde er im Gefängnis Bruchsal mit dem Fallbeil hingerichtet.
Seine Unschuld hat er bis zuletzt beteuert.
Die Mordsteine
Im Wald zwischen Heidelberg und Neckargemünd stehen bis heute Gedenksteine an der Stelle der Tat — die Heidelberger Mordsteine, auch Bürgermeistermordsteine genannt, an der Kreuzung des Pfalzgrafensteinwegs mit dem Linsenteich-Auweg.
Sie erinnern an die beiden Getöteten. Dass in diesem Archiv gleich mehrfach Steine im Boden das sind, was von einem Fall bleibt — der Spuckstein in Bremen (Akte 001), der Blutstein bei Halle (Akte 013), die Mordsteine hier —, ist kein Zufall. Ein Stein bleibt, wo Akten vergilben.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 044 auf Ebene II. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht mit dem Namen des Täters.
Quellen 4
- buergermeistermorde.tilda.ws: Bürgermeistermorde in Heidelberg, 29. Juni 1921 — Link
- neckarundsteinbach.de: Bürgermeistermorde in Schlierbach — Link
- Neue Westfälische: Vor 90 Jahren wurde Herfords Stadtoberhaupt ermordet — Link
- Verlag Stefan Kehl: Heidelberger Mordsteine — Der historische Fall — Link