Der 3. Januar 1841
In Frauenburg im ostpreußischen Ermland werden Andreas Stanislaus von Hatten, Bischof von Ermland, und seine Haushälterin Rosalie Pfeiffer in ihrem Haus mit einem Beil erschlagen.
Der Bischof ist 78 Jahre alt.
Ein Mord an einem Bischof erschütterte die Region weit über den Ort hinaus. Der Fall wurde in Berliner Zeitungen abgedruckt und in Form von Bilderbogen und Moritaten im ganzen Land verkauft.
Der Täter
Es war kein Fremder. Rudolf Kühnapfel, geboren 1814, war Schneidergeselle und stammte aus Frauenburg selbst.
Er raubte eine goldene Uhr und Taler.
Danach Karten spielen
Was den Fall den Zeitgenossen unbegreiflich machte, war, was danach geschah: Kühnapfel ging Karten spielen.
Dieses Detail steht in fast jeder zeitgenössischen Darstellung, und es hat einen Grund. In der moralischen Ordnung dieser Zeit sollte eine Tat den Täter zeichnen — Unruhe, Flucht, Reue. Ein Mann, der nach einem Doppelmord an den Spieltisch geht, passte in diese Ordnung nicht.
Es ist derselbe Punkt, der später bei Joseph Apfelböck (Akte 005) und Wilhelm Meyer (Akte 045) für Entsetzen sorgte: nicht die Tat, sondern die Selbstverständlichkeit danach.
Die Beute verriet ihn
Überführt wurde er nicht durch Zeugen, sondern durch das, was er bei sich hatte. Eine goldene Uhr aus dem Besitz eines Bischofs ist kein Gegenstand, den ein Schneidergeselle unauffällig trägt.
Nach langem Verhör legte Kühnapfel ein Geständnis ab.
Eine Strafe, die fast abgeschafft war
Das Urteil lautete auf Tod durch Rädern — eine verschärfte Todesstrafe, die bereits zu diesem Zeitpunkt weitgehend verschwunden war.
Bayern hatte sie 1813 abgeschafft, in Kurhessen war sie bis 1836 in Gebrauch. In Preußen gehört Kühnapfels Hinrichtung zu den allerletzten ihrer Art.
Der Vergleich mit einem anderen Fall dieses Archivs zeigt, wie uneinheitlich das gehandhabt wurde. Zwei Jahre zuvor war in Berlin Johann Gurlt zunächst ebenfalls zu einer verschärften Todesstrafe verurteilt worden (Akte 034) — nach seinem Geständnis wandelte der König sie in den Tod durch das Beil um. Kühnapfel gestand ebenfalls. Bei ihm blieb es beim Rad.
Woran der Unterschied lag, lässt sich aus den Quellen nicht sicher sagen. Naheliegend ist, dass die Person der Opfer eine Rolle spielte: Der Mord an einem Bischof galt als Tat gegen die Ordnung selbst.
Der 7. Juli 1841
An diesem Tag wird Rudolf Kühnapfel in Frauenburg hingerichtet. Er ist 27 Jahre alt.
Willibald Alexis, einer der bekanntesten Kriminalschriftsteller seiner Zeit, widmete dem Fall eine ausführliche Abhandlung im „Neuen Pitaval“ — der großen deutschen Sammlung berühmter Rechtsfälle.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 047 auf Ebene II. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht mit dem Namen des Täters.
Quellen 5
- Wikisource: Rudolf Kühnapfel — Link
- Wikipedia: Andreas Stanislaus von Hatten — Link
- Wikisource: Das Mordwerk auf dem Dome zu Frauenburg (zeitgenössische Darstellung) — Link
- Deutsche Digitale Bibliothek: Raubmord am Bischof von Ermland in Frauenburg durch den Schneidergesellen Rudolph Kühnapfel — Link
- Willibald Alexis: Der Neue Pitaval (Darstellung des Falls Kühnapfel)