Der 8. August 1931 bei Jüterbog
Unter der Lokomotive des D-Zuges 43 von Basel nach Berlin wird ein Gleisstück gesprengt. Der Zug entgleist. 82 Menschen werden verletzt.
Fünf Jahre zuvor hatten bei Leiferde zwei junge Wandermusiker ein Gleis beschädigt, um einen Postwagen auszurauben — 21 Menschen starben (Akte 033). Hier gab es kein Raubmotiv.
Der 13. September 1931 bei Biatorbágy
Fünf Wochen später, westlich von Budapest, wird das Gleis auf dem 25 Meter hohen Viadukt von Biatorbágy gesprengt.
Lokomotive, Gepäckwagen, Schlafwagen und drei Personenwagen des Nachtschnellzuges Budapest–Wien stürzen in die Schlucht. 24 Menschen sterben, 14 werden schwer verletzt, zahlreiche weitere leicht.
Der geschädigte Fahrgast
Nach dem Anschlag meldet sich ein Mann bei den Behörden: Sylvester Matuska. Er sei Fahrgast des verunglückten Zuges gewesen und fordere Schadenersatz.
Das ist ein bemerkenswerter Zug an diesem Fall. Der Täter blieb nicht im Verborgenen, sondern trat aktiv an die Behörden heran — als Opfer, mit einem Anspruch.
Zwei Opferlisten
Der Verdacht entstand nicht aus einer Spur, sondern aus einem Abgleich: Derselbe Mann stand auf den Listen der Betroffenen von zwei verschiedenen Eisenbahnanschlägen innerhalb weniger Wochen — in zwei verschiedenen Ländern.
Ein Mensch kann einmal in einen entgleisten Zug geraten. Zweimal innerhalb von fünf Wochen ist keine Wahrscheinlichkeit mehr, sondern ein Muster.
Warum es so lange dauerte
Dass diese Auffälligkeit erst nach dem zweiten Anschlag bemerkt wurde, hat einen strukturellen Grund. Die Taten fielen in die Zuständigkeit dreier Staaten: Deutschland, Österreich und Ungarn.
Jede Behörde führte ihre eigenen Listen. Es gab kein Verfahren, Namen von Betroffenen über Grenzen hinweg abzugleichen — und keinen Anlass dazu, solange niemand auf die Idee kam, dass ein Verletzter auch ein Täter sein könnte.
Es ist dieselbe Lücke, die in diesem Archiv immer wiederkehrt, nur eine Ebene höher: Die Donaumoosräuber nutzten um 1872 die Grenzen bayerischer Gerichtsbezirke (Akte 002), die Brüder Heitger 1928 die Reichweite des Automobils (Akte 028) — und Matuska 1931 die Staatsgrenzen selbst.
Wien, Oktober 1931
Am 1. Oktober 1931 wird Matuska in Wien auf Ersuchen der ungarischen Polizei befragt — noch immer in seiner Rolle als Anspruchsteller.
Bei einer zweiten Vernehmung am 7. Oktober 1931 wird er festgenommen. Er legt ein Geständnis ab.
Ein Gericht in Wien verurteilte ihn wegen zweier Anschläge bei Anzbach zu sechs Jahren schwerem Kerker. Nach vier Jahren wurde er nach Ungarn ausgeliefert.
Ein Motiv, das nie klar wurde
Was Matuska zu den Anschlägen bewog, blieb umstritten. Er gab dazu wechselnde und zum Teil abwegige Erklärungen, die weder die Gerichte noch die Gutachter überzeugten.
Damit gehört der Fall zu jenen, bei denen ein Verfahren den Ablauf vollständig klären kann und die Frage nach dem Warum trotzdem offen bleibt — wie bei Joseph Apfelböck (Akte 005) und bei Fritz Angerstein (Akte 026).
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 048 auf Ebene II. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich das Tatmittel, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht mit dem Namen des Täters.
Quellen 4
- Wikipedia: Sylvester Matuska — Link
- Deutsche Digitale Bibliothek: Eisenbahnattentat am 8. August 1931 bei Jüterbog — Strafsache gegen Sylvester Matuska (Archivgut) — Link
- Erichs Kriminalarchiv: 24. Fall — Sylvester Matuschka (1931) — Link
- Wikipedia: Liste von Anschlägen im Schienenverkehr — Link