Ein Ausflugsziel vor der Stadt
Der Falkenhagener See westlich von Spandau war für Berliner ein Naherholungsgebiet. Man fuhr hinaus, ging spazieren, blieb bis zum Abend.
Friedrich Schumann, geboren am 1. Februar 1893 in Spandau, kannte diese Wälder.
Ab 1917
Im Mai 1917 erschießt er in Falkenhagen einen Nachtwächter. In den folgenden Jahren überfällt er in den Wäldern Ausflügler — überwiegend Paare.
Verurteilt wurde er später wegen sechs Morden, elf Mordversuchen, mehrfacher Vergewaltigung und weiterer Delikte.
Wer die Opfer waren
Hier unterscheidet sich der Fall grundlegend von den anderen Serientaten dieses Archivs.
Fritz Haarmann in Hannover (Akte 008), Karl Denke in Schlesien (Akte 009) und Carl Großmann in Berlin (Akte 010) fanden ihre Opfer unter Wohnungslosen und Durchreisenden — Menschen, deren Verschwinden niemand meldete. Genau deshalb blieben sie über Jahre unentdeckt.
Schumanns Opfer waren gewöhnliche Ausflügler mit Wohnung, Arbeit und Angehörigen. Ihr Ausbleiben fiel sofort auf, jede Tat wurde gemeldet, und die Region wusste binnen Tagen Bescheid.
Der Fall wurde also nicht deshalb bekannt, weil er länger dauerte, sondern weil er von Anfang an sichtbar war. Es half nur nichts: Ein Waldgebiet lässt sich nicht bewachen.
Der Schuss, der zurückkam
Was die Serie beendete, war kein Ermittlungserfolg, sondern Gegenwehr.
Ein Forstaufseher, auf den Schumann geschossen hatte, erwiderte das Feuer. Die Schrotladung traf Schumann in die Schulter.
Eine solche Verletzung lässt sich nicht selbst versorgen. Wer damit zu einem Arzt geht, erklärt sie — und in einer Gegend, in der gerade auf einen Beamten geschossen wurde, führt eine frische Schrotwunde zu genau den richtigen Fragen.
Es ist derselbe Mechanismus wie bei Sylvester Matuska (Akte 048) oder Wilhelm Voigt (Akte 007): Der Täter erledigt am Ende selbst den Schritt, den die Ermittlungen nicht geschafft haben.
Prozess und Hinrichtung
Vom 5. bis 13. Juli 1920 verhandelt das Landgericht III in Berlin-Moabit. Am 13. Juli 1920 ergeht das Todesurteil.
Am 27. August 1921 wird Friedrich Schumann um sechs Uhr morgens im Hof des Gefängnisses Plötzensee durch den preußischen Scharfrichter Carl Gröpler hingerichtet.
Der Erste
In der deutschen Kriminalgeschichte gilt Friedrich Schumann als der erste Serienmörder der Weimarer Republik.
Bemerkenswert daran ist die Reihenfolge. Seine Taten begannen 1917, also noch im Krieg, und endeten kurz nach dessen Ende. Er steht damit vor Großmann, Haarmann und Denke — am Anfang jener Häufung von Serientaten, die die zwanziger Jahre prägte und für die die Kriminalistik erst noch Begriffe finden musste.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 054 auf Ebene II. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht mit dem Namen des Täters.