Die Flucht über den Ozean

Berlin · 1897 · Akte 055
StartLösungenAkte 055 › Der wahre Fall
1897 verschwanden in Berlin zwei Frauen aus ihrem eigenen Haus. Der Täter setzte sich nach Brasilien ab — und wurde zwei Jahre später von dort zurückgeholt.
Ort und ZeitBerlin, 1897
TatwaffeBEIL
Täter / TäterinJoseph Goenczi
Im BuchAkte 055, Ebene II — MITTEL

Königgrätzerstraße, August 1897

In Berlin werden Auguste Schultze, Hausbesitzerin und Witwe eines Gipsfabrikanten, und ihre Stieftochter Klara Schultze getötet.

Die Leichen werden im Keller vergraben.

Genau das verschaffte dem Täter die Zeit, die er brauchte. Ein Mord wird bemerkt, sobald man das Opfer findet. Wer die Toten im eigenen Haus verschwinden lässt, gewinnt Wochen — und in dieser Zeit kann er weit kommen.

Der Täter

Joseph Gönczi, geboren am 2. Juli 1852 im siebenbürgischen Maros-Vásárhely — heute Târgu Mureș in Rumänien —, war Schuhmacher.

Er floh mit seiner Frau ins Ausland.

Zwei Jahre und ein Ozean

Die Flucht führte über den Atlantik nach Brasilien.

Das war um 1897 eine naheliegende Wahl. Südamerika galt als Ort, an dem man neu anfangen konnte; Hunderttausende Europäer wanderten in diesen Jahren dorthin aus. Wer sich unter sie mischte, verschwand.

Zwei Jahre lang ging das gut. Im September 1899 wurde Gönczi in Brasilien gefasst und im November 1899 nach Deutschland ausgeliefert.

Warum das bemerkenswert war

Eine Auslieferung über diese Entfernung war 1899 kein Routinevorgang.

Sie setzte voraus: ein Auslieferungsabkommen zwischen zwei Staaten, einen diplomatischen Weg, eine Fahndungsbeschreibung, die über den Atlantik funktionierte, eine sichere Identifizierung vor Ort — und schließlich eine wochenlange Überführung per Schiff.

Dass all das zusammenkam, zeigt, wie sehr sich die Reichweite der Strafverfolgung im späten 19. Jahrhundert verändert hatte. 1862 war es noch eine Nachricht wert, dass Verdächtige aus der Schweiz ausgeliefert wurden (Akte 042). 1872 kam die Aufklärung eines württembergischen Mordfalls per Brief aus Washington, weil der Täter unerreichbar in Amerika gestorben war (Akte 027).

1899 holte man ihn.

Prozess und Vollstreckung

Am 7. April 1900 verurteilte ihn das Schwurgericht in Berlin — wegen beider Morde — zum Tode.

Gönczi bestritt die Taten bis zuletzt.

Am 7. Dezember 1900 wurde er im Hof des Gefängnisses Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Der Fall im Buch

Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 055 auf Ebene II. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht mit dem Namen des Täters.

Zur BeweislageJoseph Gönczi hat die Taten bis zu seiner Hinrichtung bestritten; ein Geständnis liegt nicht vor. Die Verurteilung erfolgte auf Grundlage der im Verfahren erhobenen Beweise.
Quellen 4
  1. Wikipedia: Liste von im Deutschen Reich hingerichteten Personen — Link
  2. Wikisource: Die Ermordung zweier Frauen in der Königgrätzerstraße in Berlin (zeitgenössischer Bericht) — Link
  3. Erichs Kriminalarchiv: 6. Fall — Mordprozess Gönczi (1900) — Link
  4. True Crime Story: Josef Gönczi — Prozess und Urteil — Link
Onlinequellen abgerufen am 31. Juli 2026.

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