Der Zahltag
Eine Zeche im Ruhrgebiet zahlte ihre Belegschaft in bar. Das bedeutete: An festen Tagen musste eine erhebliche Geldsumme von der Bank zur Zeche gebracht werden.
Am 24. August 1920 war das Geld von der Reichsbank in Recklinghausen zur Zeche Emscher-Lippe bei Datteln unterwegs — mit einer Kutsche und vier Zechenbeamten.
Ein solcher Transport war ein offenes Ziel. Die Strecke war bekannt, der Termin vorhersehbar, die Begleitung überschaubar.
Der Überfall
Fünf maskierte Männer griffen die Kutsche an. Drei der vier Insassen wurden getötet.
Der vierte überlebte, weil er sich tot stellte.
Damit hatten die Täter etwas übersehen, das ihren Plan von Anfang an zunichtemachte: einen Zeugen, der alles gesehen hatte.
Warum 1920
Der Zeitpunkt erklärt einiges. Das Ruhrgebiet hatte im Frühjahr 1920 den Kapp-Putsch und den anschließenden Ruhraufstand erlebt — Wochen, in denen bewaffnete Verbände gegeneinander kämpften.
Danach war die Region voller Waffen und voller Männer, die den Umgang damit gelernt hatten. Die Grenze zwischen politischer Gewalt, Freikorpsmilieu und gewöhnlicher Kriminalität war in diesen Monaten durchlässig.
Der Überfall von Erkenschwick war keine politische Tat. Aber er wäre in dieser Form ohne die Vorgeschichte des Jahres kaum denkbar gewesen.
Die Fahndung
Die Täter wurden binnen Wochen ermittelt — ungewöhnlich schnell für einen Überfall durch Maskierte. Der überlebende Zeuge und die Auffälligkeit einer plötzlich verfügbaren großen Summe dürften dabei den Ausschlag gegeben haben.
Ein Teil der Bande hatte sich in die Niederlande abgesetzt. Das war die naheliegende Route: Von Westfalen aus ist die Grenze in wenigen Stunden erreichbar.
Es ist dasselbe Muster wie bei den Brüdern Heitger, die wenige Jahre später in derselben Region einen Knappschaftssekretär überfielen und eine Reichsbankfiliale ausraubten (Akte 028) — und die ebenfalls darauf setzten, schneller über Grenzen zu kommen, als die Fahndung ihnen folgen konnte.
Die Verurteilten
Drei Männer wurden wegen Raubes und Mordes an den drei Zechenbeamten zum Tode verurteilt: der Schlosser Franz Heising, geboren am 22. Mai 1895 in Warendorf, Alex Kley, geboren am 2. August 1887 in Bielefeld, und der Schlosser Wilhelm Müller, geboren am 26. Februar 1888 in Alten-Essen.
Alle drei wurden am 19. April 1922 hingerichtet — rund zwanzig Monate nach der Tat.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 056 auf Ebene II. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht.