Die Eifelwälder, 1918
Johann Mayer, geboren am 2. April 1886, war einarmig. In der Gegend nannte man ihn deshalb „Stumpfarm“.
Zwischen März 1918 und Mai 1919 tötet er in den Wäldern der Eifel fünf Menschen. Seine Waffe ist ein Karabiner.
Wen er tötete
Die Opfer waren keine Fremden. Es waren drei Frauen, mit denen er zuvor Beziehungen gehabt hatte, und zwei Männer, mit denen er befreundet gewesen war.
Das unterscheidet den Fall von den meisten Serientaten dieses Archivs. Weder suchte er sich Menschen aus, nach denen niemand fragen würde, noch überfiel er zufällig Vorüberkommende. Er tötete in seinem eigenen Umfeld.
Für die Ermittlungen hätte das eigentlich ein Vorteil sein müssen. Wenn fünf Menschen sterben, die alle denselben Mann kannten, ist die Verbindung offensichtlich.
Drei Jahre
Trotzdem blieb er bis 1922 unbehelligt — und das, obwohl er unverwechselbar war. Ein einarmiger Mann fällt auf; man kann ihn beschreiben, ohne ein Bild zu haben.
Dass er dennoch drei Jahre lang durch die Wälder ziehen konnte, sagt etwas über den Zustand der Gegend in diesen Jahren. Die Eifel war dünn besiedelt, das Kriegsende hatte die Verwaltung zerrüttet, das Rheinland stand unter alliierter Besatzung. Eine Fahndung, die einen einzelnen Mann in einem weiten Waldgebiet aufspürt, setzt einen funktionierenden Apparat voraus. Den gab es nicht.
Der 10. August 1922
Gefasst wurde er schließlich ohne Zutun der Behörden. An diesem Tag erkannte ihn eine Gruppe fahrender Leute und hielt ihn fest, bis er übergeben werden konnte.
Dieser Umstand verdient festgehalten zu werden. Landfahrer gehörten in dieser Zeit zu den am stärksten verdächtigten und verfolgten Gruppen überhaupt — sie standen unter Generalverdacht, wurden erfasst und vertrieben. Ausgerechnet sie stellten den Mann, den die Polizei drei Jahre lang nicht gefunden hatte.
Zunächst kam er in das Gefängnis Kaisersesch, dann nach Koblenz.
Urteil und Hinrichtung
1923 verurteilt ihn das Gericht in Koblenz wegen vierfachen Mordes und eines Totschlags zum Tode.
Am 29. Dezember 1923 wird Johann Mayer im Kölner Gefängnis Klingelpütz mit dem Fallbeil hingerichtet — demselben Ort, an dem acht Jahre später Peter Kürten sterben sollte (Akte 011).
Ein Geständnis legte er erst kurz vor der Vollstreckung ab. Bei den Vernehmungen beschrieb er die Taten mit einem Satz, der überliefert ist: „Ein Schuss, ein Schrei, alles vorbei.“
Was bleibt
In der Eifel ist der Fall bis heute präsent; ein Wanderweg bei Boos trägt den Namen Stumpfarmweg.
Auch hier gilt, was in diesem Archiv immer wieder auffällt: Der Spitzname des Täters hat überdauert. Die Namen der fünf Menschen, die er getötet hat, sind in den zugänglichen Quellen kaum zu finden.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 057 auf Ebene II. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht mit dem Namen des Täters.