Ein Lehrling und ein Labor
1914 beginnt Heinrich Kurschildgen in Hilden eine Lehre in einer Farbenfabrik. Die Chemikalien, mit denen er arbeitet, faszinieren ihn; er richtet sich ein eigenes Labor ein.
Nach kurzer Zeit verkündet er eine Reihe sensationeller Entdeckungen.
Gold
Die folgenreichste davon: Er könne Gold herstellen.
Mehrere Geldgeber ließen sich überzeugen und investierten. 1922 wurde Kurschildgen wegen Betrugs angeklagt.
Nicht schuldfähig
Zur Verurteilung kam es nicht. Ein Gutachten attestierte ihm Dementia praecox — die damalige Bezeichnung für das, was heute meist als Schizophrenie eingeordnet wird — und damit fehlende Verantwortlichkeit.
Das Verfahren wurde eingestellt, verbunden mit einer Auflage: Er solle künftig keine Geldgeber mehr mit Goldherstellungsplänen ansprechen.
Er hielt sich nicht daran.
Drei Wege durch dieselbe Frage
Der Fall gehört damit zu einer Reihe, die dieses Archiv über fast hundert Jahre verfolgt: der Frage nach der Schuldfähigkeit.
1821 wurde sie im Fall Woyzeck erstmals systematisch von einem Sachverständigen untersucht — und bejaht, obwohl das Gutachten deutliche Hinweise auf eine Erkrankung enthielt (Akte 012). 1901 täuschte Georges Manolescu Richter und Gutachter erfolgreich und ließ sich für unzurechnungsfähig erklären (Akte 015). 1922 wurde sie bei Kurschildgen verneint — soweit erkennbar zu Recht.
Drei Fälle, drei Ergebnisse. Was sie verbindet, ist die Schwierigkeit der Aufgabe: Ein Gutachter muss aus Gesprächen erschließen, was in einem Menschen vorgeht — und sein Befund entscheidet über Freiheit oder Haft.
Radium
Kurschildgen wechselte das Produkt. Nun behauptete er, Radium herstellen zu können — ein damals extrem seltenes und teures radioaktives Element.
Er führte Physikern der Universität Köln eine angebliche Umwandlung von Uranoxid in Radium vor. Sein Verfahren zu erklären, lehnte er ab.
Diese Weigerung ist das Kennzeichen der ganzen Gattung. Wer wirklich etwas entdeckt hat, will es zeigen. Wer nur vorführt, muss das Verfahren geheim halten — denn das Geheimnis ist alles, was er hat.
Himmler
Später täuschte Kurschildgen zahlreiche Menschen darüber, aus einfachen Ausgangsstoffen Gold, Radium oder Treibstoff gewinnen zu können — darunter Heinrich Himmler.
Das ist mehr als eine Anekdote. Die SS-Führung unterhielt Forschungsprojekte, die sich für Verfahren dieser Art ernsthaft interessierten. Ein Regime, das Rohstoffe für die Kriegführung brauchte und zugleich für Wundergläubigkeit anfällig war, bot einem Mann wie Kurschildgen eine zweite Karriere.
Zwei Goldmacher
In denselben Jahren sammelte in München Franz Tausend Geld für dieselbe Behauptung ein und fand seine Geldgeber im rechtsnationalen Lager, bis hin zu General Ludendorff (Akte 039).
Zwei Männer, dieselbe Unmöglichkeit, dieselbe Zeit — und in beiden Fällen dasselbe Umfeld: Menschen, die nach der Inflation nicht mehr an Papiergeld glaubten und für die Aussicht, Gold herstellen zu können, die Prüfung ausfallen ließen.
Der Unterschied liegt im Ausgang. Tausend wurde verurteilt. Kurschildgen galt als nicht verantwortlich — und machte weiter.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 058 auf Ebene II. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich das Mittel, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht mit dem Namen des Täters.