November 1929
Auf einer Landstraße bei Regensburg brennt ein Wagen aus. Am Steuer wird eine verkohlte Leiche gefunden. Die Papiere gehören dem Leipziger Handlungsreisenden Kurt Erich Tetzner.
Wenig später wird er auf dem Leipziger Südfriedhof beerdigt. Seine junge Frau ist Witwe.
Was den Versicherungen auffiel
Die Auszahlung hätte 145.000 Reichsmark betragen — eine gewaltige Summe.
Bei den Versicherungen entstand Misstrauen, und zwar aus einem einfachen Grund: Die Policen waren erst wenige Wochen vor dem Unfall abgeschlossen worden.
Das ist die Auffälligkeit, an der Versicherungsbetrug fast immer hängen bleibt. Ein Todesfall kurz nach Vertragsabschluss ist rechnerisch selten. Er ist kein Beweis, aber er ist der Anlass, genau hinzusehen.
Der Ruß in der Lunge
Die Obduktion brachte den entscheidenden Befund: In den Atemwegen des Toten fanden sich keine Rußpartikel.
Dieser Test gehört zu den zuverlässigsten der Gerichtsmedizin. Wer während eines Brandes noch lebt, atmet — und atmet Rauch ein. Ruß in Luftröhre und Lunge beweist, dass der Betreffende das Feuer erlebt hat. Fehlt er, war der Mensch bereits tot, als es brannte.
Hinzu kam ein zweiter Befund: Der Körper war zu klein. Es war nicht Tetzner.
Die Anzeige
Was die Ermittlungen zutage förderten, macht den Fall zu einem der kaltblütigsten dieses Archivs.
Tetzner hatte zuvor in der Zeitung annonciert — er suchte einen Reisebegleiter in seinem Alter.
Diese Anzeige ist der Beweis der Planung. Der Mann, der starb, war kein zufälliges Opfer und kein Bekannter. Er war ausgesucht worden, weil er in Alter und Statur passte — als Ersatz für einen Körper, den der Plan brauchte.
Sein Name ist bis heute nicht bekannt.
Das Telefon
Tetzner hielt sich unterdessen in Straßburg auf und meldete sich bei seiner Frau. Er behauptete, zur Tatzeit im Kino gewesen zu sein — ein Alibi, das sich nicht halten ließ.
Bei einem Rückruf wartete die Polizei. Etwa zwei Monate nach dem „Unfall“ wurde der Tote festgenommen.
Der Fall ist damit einer der frühen, in denen ein Telefonanschluss zur Falle wurde. Ein Ferngespräch verrät einen Ort — und wer sich meldet, muss irgendwo sein.
Urteil
1931 wurde Kurt Erich Tetzner in Regensburg hingerichtet — wegen Mordes und Versicherungsbetrugs.
Zwei Fälle, ein Jahr
Fast zeitgleich versuchte in Ostpreußen Fritz Saffran dasselbe: Er ließ einen jungen Mann töten, legte ihn in sein brennendes Möbelhaus und sollte für tot gelten (Akte 016).
Zwei Täter ohne jede Verbindung, dieselbe Idee, dasselbe Jahr. Und beide scheiterten an derselben Stelle: Ein Körper lässt sich verbrennen, aber nicht in einen anderen verwandeln. Größe, Alter, Gebiss und der Zustand der Atemwege bleiben lesbar.
Der Fall Tetzner wurde noch zeitgenössisch fachlich aufgearbeitet — unter dem Titel „Eine neue Methode des Versicherungsbetrugs“ in der gerichtsmedizinischen Fachliteratur. Aus zwei Verbrechen wurde damit ein Prüfschema, das seither zum Standard gehört.
Es ist die Fortsetzung dessen, was Justus von Liebig 1850 begonnen hatte (Akte 043): Ein Brandort verbirgt nichts — er muss nur gelesen werden.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 060 auf Ebene III. Ab dieser Ebene endet der Ermittlungsbericht mit den Worten DER TÄTER — alles danach ist Geheimtext und muss mit dem Lesezeichen entschlüsselt werden.
Quellen 3
- Murderpedia: Kürt Erich Tetzner — Link
- Deutsche Zeitschrift für die gesamte gerichtliche Medizin: Eine neue Methode des Versicherungsbetrugs — der Fall Tetzner (zeitgenössischer Fachaufsatz) — Link
- filme-wahrebegebenheiten.com: Steig ein und stirb — Verfilmung des Falls (1973) — Link