Ein Justizminister am Würfeltisch
Franz Friedrich Ruhstrat war zuvor Staatsanwalt und ab 1902 Justiz- und Kultusminister des Großherzogtums Oldenburg.
Er spielte leidenschaftlich — besonders das Würfelspiel „Lustige Sieben“.
Um ihn herum bildete sich ein Kreis von Honoratioren der Stadt, der regelmäßig um erhebliche Summen spielte.
Die Zeitung
1902 erhob Hans Biermann, Chefredakteur der linksliberalen Zeitung „Der Oldenburger Residenz-Bote“, schwere Vorwürfe: Der Minister beteilige sich an Spielrunden, in deren Folge einer der Mitspieler sich das Leben genommen habe.
Weitere Berichte folgten. Sie beschrieben, wie angesehene Bürger der Stadt jungen Leuten beim Spiel große Summen abgenommen hätten.
Die Klage
Ruhstrat reagierte nicht mit einer Erklärung, sondern mit einer Privatklage gegen Biermann.
Er gewann. Das Gericht verurteilte den Redakteur wegen Beleidigung zu einem Jahr Gefängnis.
Es blieb nicht dabei. In mehreren weiteren Verfahren verhängten Oldenburger Gerichte empfindliche Strafen gegen Ruhstrats Gegner.
Wenn der Justizminister klagt
Hier liegt das eigentliche Problem des Falls, und es ist ein strukturelles.
Ruhstrat war nicht irgendein Kläger. Als Justizminister stand er an der Spitze genau des Apparats, der über seine Klagen entschied. Richter in einem kleinen Staat wie Oldenburg wurden von diesem Ministerium ernannt, befördert und versetzt.
Formal war jedes einzelne Urteil korrekt zustande gekommen. Und dennoch entstand ein Ergebnis, das kaum jemand für Zufall hielt: Wer den Minister angriff, wurde bestraft.
Die überregionale Presse nahm das auf und sprach von einem Justizskandal. Damit war der Fall aus Oldenburg heraus und zu einer Frage der Rechtsstaatlichkeit im Kaiserreich geworden.
Der Kellner
Die Wende brachte ein Mann ohne jeden Einfluss.
Ein Kellner aus dem Oldenburger Zivilkasino hatte ausgesagt, was er gesehen hatte — dass dort gespielt wurde und wer dabei war. Daraufhin wurde gegen ihn wegen Meineids verhandelt.
Am 11. Juli 1905 endete dieses Verfahren mit einem Freispruch.
Das war die Sensation. Denn ein Freispruch bedeutete: Das Gericht hielt die Aussage des Kellners für wahr — und damit die Darstellung des Ministers für falsch.
Es lohnt sich, das festzuhalten. Was den Fall drehte, war kein Journalist, kein Politiker und kein Gutachter, sondern ein Bediensteter, der bei seiner Aussage blieb, obwohl ihm dafür eine Zuchthausstrafe drohte.
Kein Blut, aber ein Toter
Ruhstrat gewann seine Prozesse und verlor trotzdem. Der Skandal erledigte ihn politisch.
In einem Archiv über Mordfälle ist dies einer der wenigen Fälle ohne Gewalt. Und doch steht am Anfang ein Mensch, der sich das Leben nahm, nachdem er beim Spiel ruiniert worden war — und dessen Tod der Anlass war, dass überhaupt jemand hinsah.
Er steht damit neben den Anlagebetrügern dieses Archivs, Adele Spitzeder (Akte 006) und Max Klante (Akte 038), bei denen sich ebenfalls Geschädigte das Leben nahmen. Auch dort gab es Todesopfer, für die niemand wegen Tötung belangt wurde.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 065 auf Ebene III. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich das Mittel, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht — dessen Schlussteil verschlüsselt ist.
Quellen 4
- Wikisource: Die Oldenburgischen Spielerprozesse (Minister Ruhstrat) — Link
- Wikipedia: Franz Friedrich Ruhstrat — Link
- Hugo Friedländer: Interessante Kriminalprozesse — Die Oldenburgischen Spielerprozesse (zeno.org) — Link
- Nordwest-Zeitung: Beim Würfelspiel vom Minister in den Ruin getrieben — Link