Hamsterfahrt
Berlin 1946: Die Stadt hungert. Wer etwas zu essen wollte, fuhr aufs Land — mit der Bahn, zu Fuß, mit Rucksack und Tauschware. Diese Fahrten hießen Hamsterfahrten.
Es waren überwiegend Frauen, die sie unternahmen. Die Männer waren gefallen, in Gefangenschaft oder arbeitsunfähig; die Versorgung der Familie lag bei ihnen.
Sie waren unterwegs auf Waldwegen, oft allein, oft in der Dämmerung, mit dem, was sie eingetauscht hatten.
Wer sie angriff
Willi Kimmritz überfiel und beraubte diese Frauen in den Wäldern rund um Berlin. Mindestens vier von ihnen starben.
Verurteilt wurde er wegen einer Serie von Raubüberfällen, Vergewaltigungen und Tötungen; die zugerechneten Zahlen sind hoch.
Nach den überlieferten Schilderungen sprach er seine Opfer freundlich an und lockte sie vom Weg — dieselbe Methode, die in diesem Archiv auch Carl Großmann anwandte, der wohnungslosen Frauen Arbeit anbot (Akte 010). In einer Notlage wirkt ein hilfsbereiter Fremder nicht verdächtig, sondern rettend.
Aktion Roland
Die Polizei setzte die größte Fahndung der Nachkriegszeit an. Sie hieß „Aktion Roland“ — und sie führte nicht zum Täter.
Die Gründe liegen auf der Hand. Berlin war in vier Sektoren geteilt und von brandenburgischem Umland umgeben, das wiederum anderer Zuständigkeit unterlag. Die Tatorte lagen im Wald, es gab kaum Fahrzeuge, kaum Funk, keine belastbaren Meldewege.
Es ist dieselbe Lücke, die im Jahr darauf die Gladow-Bande nutzte (Akte 050): eine zerschnittene Stadt, in der keine Behörde das Ganze sah.
Der Blick im Café
Gefunden wurde Kimmritz schließlich nicht durch Ermittlungsarbeit.
Eine Frau erkannte in einem Lokal im Wedding den Mann wieder, der ihre Freundin getötet hatte. Sie sagte es weiter.
Am 11. September 1948 wurde Willi Kimmritz festgenommen. Er gestand.
Das ist ein Muster, das sich durch dieses Archiv zieht: Am Ende steht auffällig oft kein Fahndungserfolg, sondern ein Mensch, der hinsah. Bei Fritz Angerstein war es der Tatort selbst (Akte 026), bei Peter Kürten ein fehlgeleiteter Brief (Akte 011), bei Carl Großmann Nachbarn, die Schreie hörten (Akte 010).
Urteil
Das Landgericht Potsdam verhängte 1949 die Todesstrafe. 1950 wurde sie in Frankfurt an der Oder vollstreckt.
Es ist derselbe Ort, an dem im selben Jahr Werner Gladow starb (Akte 050) — die zentrale Hinrichtungsstätte der jungen DDR.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 066 auf Ebene III. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht — dessen Schlussteil verschlüsselt ist.
Quellen 4
- Wikipedia: Willi Kimmritz — Link
- Tagesspiegel: RBB-Doku über Serienmörder — Tödliche Hamsterfahrt — Link
- Berliner Zeitung: Grauenhafte Nachkriegszeit in Berlin — Wenn Frauen auf Hamstertour gingen — Link
- rbb / Crew United: Tatort Berlin — Willi Kimmritz, Schrecken der Wälder (Dokumentation) — Link