Die Anzeige
1890 erscheint in Zeitungen eine Annonce: Eine gräfliche Familie suche eine Reisebegleiterin, gegen ansehnliches Gehalt und gute Verpflegung.
Dahinter standen Fritz Erbe, geboren 1855, und Dorothee Buntrock, geboren 1856 in Holzminden, von Beruf Näherin.
Auf eine einzige dieser Anzeigen meldeten sich vier junge Frauen.
Warum sie wirkte
Um die Wirksamkeit zu verstehen, muss man wissen, wie schmal die Möglichkeiten einer jungen Frau ohne Vermögen 1890 waren.
Sie konnte in Stellung gehen — als Dienstmagd, Näherin, Fabrikarbeiterin. Alles davon war schlecht bezahlt, körperlich hart und ohne Aussicht.
Eine Anstellung als Reisebegleiterin bei einer gräflichen Familie war dagegen das Beste, was man sich vorstellen konnte: angesehen, auskömmlich, mit Reisen verbunden. Genau deshalb funktionierte die Anzeige. Sie versprach nicht das Unmögliche, sondern das Erstrebenswerte.
Buntrock trat dabei als Stellenvermittlerin auf und benutzte dafür einen Decknamen.
Dora Klages
Am 13. August 1890 wird Dora Klages aus Hameln im Wald bei Eschede ermordet und beraubt.
Sie war einem Stellenangebot gefolgt.
Die Zeitungsanzeige als Tatwaffe
Dieser Fall ist der früheste von dreien in diesem Archiv, in denen eine Annonce zum Tatmittel wird.
1905 lockte Rudolf Hennig in Berlin einen arbeitslosen Kellner in den Wald — mit dem Versprechen einer Stelle gegen Kaution (Akte 031). 1929 suchte Kurt Erich Tetzner per Zeitungsanzeige einen Reisebegleiter in seinem Alter, weil sein Versicherungsbetrug eine passende Leiche brauchte (Akte 060).
Dreimal dieselbe Konstruktion: Die Zeitung stellt den Kontakt zu einem Fremden her, das Stellenangebot liefert den Grund, mitzukommen, und die Aussicht auf Arbeit macht Vorsicht unmöglich.
Was diese Fälle verbindet, ist nicht Grausamkeit, sondern Kälte. Der Täter wählt kein Opfer aus, das er kennt. Er lässt sich eines schicken.
Prozess und Hinrichtung
Am 23. Juni 1892 verurteilte das Schwurgericht Magdeburg Dorothee Buntrock wegen zweier Raubmorde. Fritz Erbe wurde ebenfalls zum Tode verurteilt.
Am 24. Mai 1893 wurden beide in Magdeburg enthauptet.
Anna Blume
Ein Nachhall des Falls führt in die Kunstgeschichte.
Nach einer Zuordnung des Schwitters-Forschers Bernd Rauschenbach soll sich Kurt Schwitters für seine berühmte Figur „Anna Blume“ von dem Decknamen haben anregen lassen, unter dem Dorothee Buntrock in Hannover als angebliche Stellenvermittlerin auftrat.
Ob das zutrifft, ist eine Frage der Literaturwissenschaft und nicht gesichert. Bemerkenswert wäre es allemal: Eines der bekanntesten Gedichte des deutschen Dadaismus trüge dann den Tarnnamen einer Mörderin.
Es wäre nicht der einzige Fall dieser Art in diesem Archiv. Woyzeck wurde zu Büchner (Akte 012), Apfelböck zu Brecht (Akte 005), Manolescu zu Thomas Manns Felix Krull (Akte 015), Voigt zu Zuckmayer (Akte 007).
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 067 auf Ebene III. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht — dessen Schlussteil verschlüsselt ist.
Quellen 4
- Wikisource: Die Ermordung zweier „Reisebegleiterinnen“ im Walde (zeitgenössischer Bericht) — Link
- True Crime Story: Fritz Erbe und Dorothee Buntrock — Link
- True Crime Story: Der Prozess gegen Fritz Erbe und Dorothee Buntrock — Link
- Wikipedia: Liste im Deutschen Reich hingerichteter Personen — Link