Der Tote im Handelshaus

Leipzig · 1865/66 · Akte 069
StartLösungenAkte 069 › Der wahre Fall
Ein angesehener Leipziger Kaufmann liegt erschlagen im eigenen Kontor, die Kasse ist leer. Ein Achtundzwanzigjähriger wird dafür hingerichtet. Bis zum letzten Augenblick sagt er, er sei es nicht gewesen.
Ort und ZeitLeipzig, 1865/66
TatwaffeKNUEPPEL
Täter / TäterinHeinrich Wilhelm Künschner
Im BuchAkte 069, Ebene III — SCHWER

Der 3. November 1865

Karl August Markert war ein angesehener Kaufmann in Leipzig. Am 3. November 1865 wurde er in seinem eigenen Kontor erschlagen und beraubt.

Ein Kontor war das Geschäftszimmer eines Handelshauses — Schreibpult, Bücher, Kasse. Ein halböffentlicher Raum: Kunden gingen ein und aus, Angestellte hatten Schlüssel, Lieferanten kannten die Zeiten. Wer den Kaufmann dort allein antraf, wusste, wann er allein sein würde.

Wer kannte die Räume?

Genau das machte die Ermittlung schwierig. Der Kreis derer, die Bescheid wussten, war nicht klein und nicht anonym: Angestellte, Geschäftspartner, Kundschaft.

Der Verdacht fiel schließlich auf Heinrich Wilhelm Künschner, achtundzwanzig Jahre alt, gebürtig aus Hohenossig nördlich von Leipzig.

Das Urteil

Das Königliche Bezirksgericht verurteilte Künschner wegen des Raubmords an Markert zum Tode.

Ein Gnadengesuch wurde abgelehnt. Das Urteil wurde vollstreckt — in Sachsen war zu dieser Zeit das Fallbeil das gesetzliche Mittel.

Bis vor seinen Scharfrichter beteuerte der junge Mann seine Unschuld.

Was das bedeutet — und was nicht

Ein Verurteilter, der bis zum Schluss leugnet, ist kein Beweis für irgendetwas. Viele Schuldige haben geleugnet, aus Trotz, aus Scham, aus Hoffnung auf Gnade.

Aber es ist ein Umstand, den man festhalten muss, wenn ein Urteil unwiderruflich vollstreckt wird und auf Indizien beruht.

Wie belastbar die Beweiskette gegen Künschner im Einzelnen war, lässt sich ohne die Prozessakten nicht beurteilen — und diese Bewertung maßt sich dieses Archiv nicht an.

Wie schmal der Grat sein kann, zeigt Akte 052: In Elberfeld wurde 1883 ein Mann wegen des Mordes an seiner Frau ins Zuchthaus geschickt, die Indizien galten als erdrückend, er beteuerte hartnäckig seine Unschuld — und Jahre später gestand ein anderer die Tat. Dieser Mann hatte das Glück, dass sein Urteil nicht auf Tod lautete.

Und Akte 061 zeigt dieselbe Tatform ein halbes Jahrhundert früher: 1820 lagen in Nürnberg ein Krämer und seine Magd erschlagen im Laden, die Kasse leer, ein Verdächtiger ohne haltbares Alibi — und ohne Geständnis.

Warum der Fall überlebte

Der Fall Künschner wurde in den *Neuen Pitaval* aufgenommen.

Diese Sammlung, begründet vom Kriminaldirektor Julius Eduard Hitzig und dem Schriftsteller Wilhelm Häring (der als Willibald Alexis schrieb), erschien ab 1842 über Jahrzehnte in Dutzenden von Bänden. Sie stellte bemerkenswerte Kriminalfälle aus aller Welt zusammen — sachlich referiert, mit Prozessverlauf und Beweisführung.

Der *Pitaval* war damit so etwas wie die Nachschlagesammlung des deutschen Rechtsdenkens im 19. Jahrhundert: Juristen lasen ihn, Schriftsteller plünderten ihn, das gebildete Publikum verschlang ihn. Der Name geht auf den französischen Advokaten François Gayot de Pitaval zurück, der im 18. Jahrhundert die erste Sammlung dieser Art veröffentlicht hatte.

Aufnahme in den *Pitaval* hieß: Dieser Fall ist mehr als eine lokale Bluttat. An ihm lässt sich etwas zeigen.

Dass wir heute überhaupt von Künschner wissen, verdanken wir dieser Sammlung — und der Arbeit des Leipziger Autors Henner Kotte (1963–2024), der den Fall aus Verhörprotokollen, Tatortberichten und Presseartikeln rekonstruiert hat.

Der Fall im Buch

Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 069 auf Ebene III. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht — dessen Schlussteil verschlüsselt ist.

Zur BeweislageGesichert sind Name und Alter des Verurteilten, der Name des Opfers, das Tatdatum 3. November 1865 und das Todesurteil des Königlichen Bezirksgerichts. Das genaue Datum der Vollstreckung ließ sich nicht belegen und wird hier deshalb nicht genannt. Die Beteuerung der Unschuld ist überliefert; sie sagt nichts darüber, ob das Urteil richtig war.
Quellen 4
  1. Henner Kotte: Raubsache Leipzig und vier weitere Verbrechen (Reihe Blutiger Osten, Bild und Heimat) — Verlagsbeschreibung des Falls — Link
  2. Henner Kotte: Raubsache Leipzig — Leseprobe und Inhaltsangabe — Link
  3. Wikisource: Der neue Pitaval — Gesamtverzeichnis der Bände — Link
  4. Wikipedia: Henner Kotte — Link
Onlinequellen abgerufen am 31. Juli 2026.

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Alle Fälle beruhen auf historischen Kriminalfällen (1820–1950) und wurden für dieses Rätselbuch nacherzählt.