Wer hinüber will

Zorge, Südharz · 1946/47 · Akte 075
StartLösungenAkte 075 › Der wahre Fall
Zwischen den Zonen lag ein Streifen Land, in dem keine Polizei zuständig war. Wer hinüber wollte, brauchte einen Führer. Dass die Morde aufgeklärt wurden, verdankt sich keiner Ermittlung, sondern der Eitelkeit des Täters.
Ort und ZeitZorge, Südharz, 1946/47
TatwaffeBEIL
Täter / TäterinRudolf Pleil
Im BuchAkte 075, Ebene III — SCHWER

Das Niemandsland

1946 zog Rudolf Pleil, geboren am 7. Juli 1924 im erzgebirgischen Kühberg, nach Zorge im Südharz. Dort verdingte er sich als Grenzgänger: Gegen Bezahlung führte er Menschen über die Grenze zwischen der sowjetischen und der britischen Zone. Meist waren es Frauen.

Um zu verstehen, warum dieser Fall so lange laufen konnte, muss man sich die Verhältnisse an dieser Grenze vergegenwärtigen. Ihr Verlauf war im Wald nicht klar erkennbar. Die Zuständigkeit der Polizei endete an ihr — was jenseits geschah, war Sache der anderen Seite, und die andere Seite war ein anderer Staat in allem außer dem Namen. Kriminalpolizei und Schutzpolizei arbeiteten schlecht zusammen. Zwischen 1945 und 1950 wurden im Grenzgebiet der Region dreizehn Polizisten ermordet; die Streifen gingen nur noch in Gruppen.

Und die Menschen, die hinüberwollten, waren fast alle entwurzelt — Flüchtlinge, Ausgebombte, Heimkehrer, Schwarzhändlerinnen. Viele stammten nicht aus der Gegend. Wenn sie nicht ankamen, wusste oft niemand, wo sie zuletzt gewesen waren, und häufig gab es niemanden, der sie vermisste.

Das ist die eigentliche Voraussetzung dieser Mordserie. Nicht die Skrupellosigkeit eines Einzelnen, sondern eine Landschaft, in der Menschen verschwinden konnten, ohne dass es auffiel.

Die Taten

Zwischen 1946 und 1947 tötete Pleil gemeinsam mit seinen Komplizen Karl Hoffmann und Konrad Schüßler mindestens zwölf Frauen. Die Taten waren von sexueller Gewalt begleitet; auf Einzelheiten wird hier verzichtet.

Das Muster war fast immer dasselbe: Pleil bot sich als Führer an, ging mit der Frau in den Wald und erschlug sie dort. Die Beute war oft gering.

Karl Hoffmann, 1913 geboren, war Nadelsetzer von Beruf und galt als gefühllos; er tötete, um an Diebesgut zu kommen. Konrad Schüßler, Fleischer aus dem Erzgebirge, war zur Tatzeit achtzehn Jahre alt.

Verhaftet für die falsche Tat

Am 18. April 1947 wurde Pleil verhaftet — nicht wegen der Frauenmorde. Er hatte auf einem Grenzgang im Streit den Hamburger Kaufmann Hermann Bennen mit einem Beil erschlagen. Die Leiche wurde im Zorgebach gefunden.

Das Landgericht Braunschweig wertete die Tat als Totschlag, weil Pleil stark angetrunken gewesen war, und verurteilte ihn zu zwölf Jahren. Wäre es Mord gewesen, hätte ihm 1947 die Todesstrafe gedroht.

Damit saß der gesuchte Frauenmörder in Haft, ohne dass jemand die Verbindung zog.

Der Brunnen von Vienenburg

Dabei hatte es einen Hinweis gegeben.

Ein Schutzpolizist aus Vienenburg meldete der Braunschweiger Kriminalpolizei in der Humboldtstraße, in einem dortigen Brunnen seien Leichenteile gefunden worden. In diesem Brunnen lagen tatsächlich zwei Frauen, die Pleil getötet hatte — eine Siebenunddreißigjährige und eine vierundvierzigjährige Witwe, beide im Dezember 1946.

Der Meldung wurde nicht nachgegangen.

Bis zu Pleils Verhaftung im April 1947 fielen ihm und seinen Komplizen mindestens drei weitere Frauen zum Opfer.

Das ist der Satz, an dem dieser Fall hängt. Es gab keine kriminalistische Rätselhaftigkeit, kein perfektes Verbrechen, keinen genialen Täter. Es gab einen Hinweis, der auf einem Schreibtisch liegen blieb.

Die Bewerbung

Aufgeklärt wurden die Morde schließlich nicht durch Ermittlungen.

In der Haft in Celle bewarb sich Pleil als Henker. Zur Begründung führte er an, er habe auf dem Gebiet des Tötens Erfahrung — und nannte den Brunnen von Vienenburg, in dem zwei seiner Opfer zu finden seien.

Erst das brachte ihn mit der Mordserie im Grenzgebiet in Verbindung.

In der Haft schrieb er Hefte voll, in denen er seine Taten prahlerisch ausbreitete, und behauptete, fünfundzwanzig Menschen getötet zu haben — einen mehr als Fritz Haarmann (Akte 008), um sich den größten Rang zu sichern. Vor Gericht sprach er später von vierzig.

Dieses Archiv nennt diese Zahlen nicht, weil sie stimmen, sondern weil sie zeigen, worum es ihm ging. Nachgewiesen sind mindestens zehn Morde. Die höheren Zahlen und die Selbstbezeichnungen, die Pleil sich ausdachte, werden hier nicht wiederholt. Wer sie zitiert, gibt ihm genau das, was er wollte.

Der Braunschweiger Prozess

Der Prozess gegen Pleil, Hoffmann und Schüßler begann am 31. Oktober 1950 vor dem Landgericht Braunschweig. Ausländische Zeitungen schickten Reporter.

Pleil genoss die Aufmerksamkeit und übertrieb vor Gericht schamlos. Wahrscheinlich mit Kalkül: Er spekulierte darauf, für geisteskrank erklärt und in die Psychiatrie eingewiesen zu werden statt ins Zuchthaus.

Die psychiatrischen Gutachter hielten ihn für voll zurechnungsfähig. Jutta Schulz, damals Stenotypistin bei den Verhören, fasste ihren Eindruck später so zusammen, er sei ein Sadist gewesen, der sich jede Tat vorher genau zurechtgelegt habe.

Am 17. November 1950 wurden alle drei wegen mehrfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

Rudolf Pleil erhängte sich am 16. Februar 1958 in seiner Zelle in Celle. Karl Hoffmann starb 1976 im Gefängnis. Konrad Schüßler wurde Ende der siebziger Jahre begnadigt.

Der Gefängnisseelsorger Erich Helmer erinnerte sich an einen Tag, an dem er Pleil weinend in seiner Zelle antraf: Christliche Frauen aus England hatten ihm geschrieben, dass sie für ihn beteten.

Die Grenze als Werkzeug

In diesem Archiv gibt es einen Gegenpol zu diesem Fall. In Berlin nutzte zur selben Zeit der siebzehnjährige Werner Gladow den Viersektorenstatus als Fluchtmaschine: über eine Sektorengrenze gehen und außer Reichweite sein (Akte 050).

Beides ist dieselbe Einsicht, einmal in der Stadt und einmal im Wald. Wo eine Grenze verläuft, endet eine Zuständigkeit. Und wo eine Zuständigkeit endet, entsteht ein Raum, in dem sich Straftaten verstecken lassen — nicht vor der Aufmerksamkeit, sondern vor dem Aktenzeichen.

Die Opfer dieses Falls sind bis heute überwiegend namenlos. In den Darstellungen stehen ihr Alter und der Ort, an dem man sie fand. Eine Tochter eines der Opfer hat Jahrzehnte später über die Tagebücher ihrer Mutter berichtet — eine der wenigen Stimmen, die von einem dieser Leben etwas erzählen.

Der Fall im Buch

Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 075 auf Ebene III. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht — dessen Schlussteil verschlüsselt ist.

Zur BeweislageNachgewiesen sind mindestens zehn Morde; Pleils eigene, deutlich höhere Angaben stammen aus seinen Prahlereien und sind nicht belegt. Auch die Zahl von mindestens zwölf getöteten Frauen ist eine Untergrenze. Angaben über Taten vor 1946 konnten nie bewiesen werden. Vieles, was über Pleils Persönlichkeit überliefert ist, stammt aus zeitgenössischer Presse und aus seinen eigenen Aufzeichnungen und ist entsprechend zu behandeln.
Quellen 5
  1. Wikipedia: Rudolf Pleil (mit Nachweisen aus Archiv für Kriminologie, Kriminalistik und Braunschweiger Zeitung) — Link
  2. Der Totmacher Rudolf Pleil, Dokumentarfilm von Hans-Dieter Rutsch, ARD-Reihe Die großen Kriminalfälle (2007) — Link
  3. Firouz Vladi: Rudolf Pleil — der Totmacher mordete auch im Südharz, Karstwanderweg.de — Link
  4. Fritz Barnstorf: Der Fall Pleil, in: Der Spiegel Nr. 45/1950 — Link
  5. Fred Sellin: Nur Heringe haben eine Seele. Geständnis eines Serienmörders — der Fall Pleil, Droemer, München 2020
Onlinequellen abgerufen am 31. Juli 2026.

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