Allenstein, zweiter Weihnachtstag 1907
In der Nacht zum 26. Dezember 1907 drang Hauptmann Hugo von Goeben in das Quartier des Majors August von Schoenebeck im Allensteiner Offizierscasino ein und tötete ihn mit einem Kopfschuss aus einer Duellpistole.
Am Morgen fand ein Soldat den Toten, die Dienstwaffe neben sich. Kurzzeitig ging man von einem Selbstmord aus.
Erst als feststand, dass der tödliche Schuss nicht aus dieser Waffe gekommen war, wurde daraus ein Mordfall.
Die Beteiligten
Goeben war siebenunddreißig, Sohn eines Gutsbesitzers, und im Dezember 1906 als Chef der 3. Batterie des Masurischen Feldartillerie-Regiments Nr. 73 nach Allenstein versetzt worden.
Seine Biografie war ungewöhnlich. Er hatte im Zweiten Burenkrieg in einem deutschen Freikorps gegen britische Truppen gekämpft, war danach wieder in die deutsche Armee eingetreten und 1903 zur Beratung des osmanischen Sultans entsandt worden, unter anderem im Zusammenhang mit der Niederschlagung des Ilinden-Aufstands. Ein Mann, der die halbe Welt gesehen hatte und in einer ostpreußischen Garnison landete.
Major von Schoenebeck war Stabsoffizier beim Ostpreußischen Dragoner-Regiment Nr. 10 und leidenschaftlicher Jäger. Die Ehe war zerrüttet; in eine Scheidung willigte er nicht ein.
Antonie von Schoenebeck, 1876 in Görlitz geboren und Mutter zweier Kinder, lernte Goeben 1907 auf einem Kostümball kennen. Sie begann ein Verhältnis mit ihm.
Das Geständnis
Goebens Abneigung gegen den Major war bekannt. Wenige Tage nach der Tat wurde er verhaftet. In seiner Wohnung fand man die Tatwaffe; belastender Schriftverkehr mit der Witwe wurde abgefangen.
Am 31. Dezember gestand er. Es habe sich, sagte er, um ein Duell ohne Zeugen gehandelt.
Diese Behauptung ist aufschlussreich, auch wenn sie unglaubwürdig ist — man führt kein Duell im Schlafquartier des Gegners. Aber sie zeigt, wie ein Offizier dieser Zeit seine Tat einordnen wollte: nicht als Mord, sondern als Angelegenheit unter Ehrenmännern. Das Duell war im Kaiserreich strafbar und wurde doch geduldet; ein Offizier, der seine Ehre nicht verteidigte, konnte seine Stellung verlieren.
Weil Zweifel an seiner Zurechnungsfähigkeit bestanden, wurde Goeben in der Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt Kortau und danach in einem Militärkrankenhaus untersucht; hinzugezogen wurde der Psychiater Albert von Schrenck-Notzing. Ein erster Suizidversuch scheiterte.
Der Militärgerichtsprozess wurde zweimal verschoben und schließlich auf Mitte März 1908 gelegt. Zwei Wochen davor, am 2. März 1908, schnitt sich Goeben im Militärgefängnis mit einem stumpfen Messer, das man ihm zum Abendessen gegeben hatte, die Kehle durch.
Damit war der einzige Zeuge tot.
Der Prozess gegen die Witwe
Antonie von Schoenebeck war bereits am 31. Dezember 1907 verhaftet worden — an demselben Tag, an dem Goeben gestand. Der Grund war bemerkenswert: Man traute seinem Geständnis nicht, weil man vermutete, er wolle sie decken.
In den Verhören bestritt Goeben zunächst jede Mitwisserschaft oder Anstiftung durch sie; später belastete er sie.
Sie wurde monatelang in der Kortauer Psychiatrie untergebracht und gegen eine Kaution von 50.000 Mark entlassen — nach heutiger Kaufkraft ein sechsstelliger Betrag.
Am 6. Juni 1910 begann der Prozess gegen sie wegen Anstiftung und Beihilfe zum Mord. Verteidigt wurde sie unter anderem von den Berliner Strafverteidigern Erich Sello und Walter Bahn. Die Beweisaufnahme war schwierig, weil der einzige Zeuge nicht mehr lebte.
Am zweiundzwanzigsten Verhandlungstag wurde das Verfahren wegen Verhandlungsunfähigkeit der Angeklagten vorläufig eingestellt. Es wurde nie wieder aufgenommen, weil sie unter die Vormundschaft eines Rechtsanwalts gestellt wurde, was eine weitere Strafverfolgung ausschloss.
Antonie von Schoenebeck wurde nie verurteilt. Bewiesen wurde ihr nichts.
Sie heiratete noch vor Prozessende den Schriftsteller Alexander Otto Weber, später dessen Bruder Fritz, einen Bankier. Sie starb 1931 in Rapallo.
„Der Weibsteufel von Allenstein“
Trotzdem ist sie es, die im Gedächtnis blieb — als die Schuldige.
Der Fall wurde weltweit verfolgt. Die *New York Times* meldete 1908 Goebens Selbstmord, der australische *Advertiser* titelte 1910 „Murder and adultery. Faithless wife's arrest“, *Le Figaro* berichtete ausführlich. Der *Sturm* brachte eine ganzseitige Karikatur, *Der wahre Jacob* Spottverse.
Maximilian Harden veröffentlichte 1910 in seiner Zeitschrift *Die Zukunft* drei Artikel, in denen er Goeben aus, wie es hieß, sexualpathologischer Sicht ausbreitete. Karl Kraus griff ihn dafür an; ein Gericht warf Harden später vor, eine unzüchtige Schrift verfasst und verbreitet zu haben.
Und noch 1961, mehr als fünfzig Jahre nach dem Freispruch durch Nichtverurteilung, trug das Kapitel über den Fall in einer Sammlung großer Kriminalprozesse die Überschrift „Der Weibsteufel von Allenstein“.
Der Mann, der geschossen und gestanden hat, heißt in diesen Darstellungen der Verführte. Die Frau, gegen die nichts bewiesen wurde, ist der Teufel.
Dieses Archiv nennt beide beim Namen und hält fest, was gesichert ist: Hugo von Goeben hat August von Schoenebeck erschossen und es gestanden. Alles Weitere ist offen geblieben, weil er sich dem Verfahren entzogen hat.
Was der Fall bewegte
Die Wirkung des Skandals reichte über die Sensation hinaus.
Im Preußischen Abgeordnetenhaus wurde in diesem Zusammenhang die Gleichbehandlung vor Gericht ohne Rücksicht auf den Stand der Betroffenen erörtert — die Verfahren gegen zwei Angehörige der Offizierskaste hatten den Eindruck erweckt, dass für sie andere Regeln galten. Zugleich erkannte man die Notwendigkeit gesetzlicher Bestimmungen zur Strafminderung bei verminderter Zurechnungsfähigkeit, an der es im Fall Goeben Zweifel gegeben hatte.
Ein Jahr zuvor hatte ein arbeitsloser Schuster in einer gebrauchten Uniform in Köpenick ein Rathaus besetzt und Soldaten kommandiert (Akte 007). Die beiden Fälle gehören zusammen. 1906 zeigte sich, was die Uniform an Autorität verlieh; 1907, wie sehr die Kaste, die sie trug, sich als eigene Welt verstand.
Der Ort selbst bekam einen Namen. Das Offizierscasino wurde 1912 verkauft und durch einen Neubau ersetzt; im Volksmund hieß es fortan „Mordvilla“.
Eine Nichte des ermordeten Majors, die Schriftstellerin Sybille Bedford, verarbeitete die Geschichte ihrer Familie Jahrzehnte später zu dem Roman *A Legacy* (1956, deutsch *Ein Vermächtnis*).
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 077 auf Ebene III. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht — dessen Schlussteil verschlüsselt ist.
Quellen 6
- Wikipedia: Allenstein-Affäre (mit Nachweisen aus zeitgenössischer Presse und Prozessliteratur) — Link
- Einer Frau verfallen und einen Mord begangen, Preußische Allgemeine Zeitung vom 24. Juni 2012 — Link
- Das Offiziersdrama zu Allenstein, Oesterreichische Kronen-Zeitung vom 2. Jänner 1908, S. 5 (ANNO) — Link
- Das Ende der Mordaffäre von Allenstein, Leitmeritzer Zeitung vom 21. Jänner 1911, S. 19 (ANNO) — Link
- Julia Ilgner: Zarathustras dürftige Erben, literaturkritik.de, 26. März 2013 — Link
- Paul Lindau: Das Drama von Allenstein, in: Ausflüge ins Kriminalistische, Albert Langen, München 1909, S. 172–240