Der 22. Oktober 1900
Der Hertogenwald ist ein großes zusammenhängendes Waldgebiet am Hohen Venn. Er gehörte damals zur preußischen Rheinprovinz, zum Kreis Eupen; seit 1920 liegt er in Belgien.
Dort lauerten Wilhelm Paulsen und Theo François, zwei polizeibekannte Diebe und Wilderer, dem Förster Michel Jules-Toussaint auf. Paulsen erschoss ihn.
Es gab keinen konkreten Anlass, keinen Streit, keine Verfolgung im Moment der Tat. Die überlieferte Begründung ist die denkbar einfachste: Die beiden sahen in Förstern ganz allgemein ihre Feinde.
Warum Förster
Um zu verstehen, warum ein Satz wie dieser genügte, muss man wissen, was ein Förster im 19. Jahrhundert war.
Er war kein Naturfreund im Dienst, sondern Vollzugsbeamter. Der Wald gehörte dem Staat oder einem Grundherrn, und der Förster setzte durch, dass niemand sonst etwas daraus nahm: kein Holz, kein Reisig, kein Wild. Für Landarme war der Wald jahrhundertelang die Reserve gewesen, aus der man sich bediente, wenn es sonst nichts gab. Als das im Lauf des Jahrhunderts konsequent zum Diebstahl erklärt und verfolgt wurde, stand am Ende dieser Kette immer derselbe Mann mit der Flinte.
Zwischen Wilderern und Forstpersonal gab es deshalb einen Dauerkonflikt, der regelmäßig tödlich endete — auf beiden Seiten. Beide Seiten waren bewaffnet, beide trafen sich im Wald allein und ohne Zeugen.
Erklären tut das nichts. Michel Jules-Toussaint hatte an dem Tag nichts getan, wofür man ihn erschießen konnte; er war die Uniform, nicht die Person. Genau das ist das Kennzeichen dieser Tat.
Dasselbe Jahr, das andere Ende Deutschlands
1900 ist in diesem Zusammenhang ein bemerkenswertes Jahr.
Im selben Jahr erschoss im Dachauer Land Mathias Kneißl zwei Gendarmen. Auch er kam aus dem Milieu der Wilderer und Kleinkriminellen, auch er wurde nach einer Verfolgungsjagd gestellt (Akte 004).
Was danach geschah, ging weit auseinander. Kneißl wurde 1901 in Augsburg zum Tode verurteilt und 1902 hingerichtet — und er wurde zur Legende. Filme, Balladen und Bücher erzählen bis heute von ihm; für viele Kleinbauern blieb der „Räuber Kneißl“ ein Volksheld. Michael Heigl im Bayerischen Wald erging es ein halbes Jahrhundert früher ähnlich; nach ihm ist bis heute eine Höhle benannt (Akte 018).
Von Wilhelm Paulsen weiß niemand mehr etwas.
Der Unterschied liegt nicht in der Tat. Er liegt darin, dass es in Bayern und im Alpenraum eine ganze Erzähltradition vom Wildschützen gab — vom Mann, der sich gegen Obrigkeit und Jagdherren stellt und dafür bewundert wird. In diese Form ließ Kneißl sich gießen. In der Eifel gab es diese Form nicht.
Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Paulsen nichts anzubieten hatte, was sich zur Ballade eignet. Kneißls Geschichte hat einen Anfang, in dem ihm Unrecht geschieht. Paulsens Geschichte hat nur einen Hinterhalt.
Die Verfolgung nach Holland
Die beiden flohen über die niederländische Grenze.
Zwei preußische Grenzbeamte namens Wolter und Wiesnewski setzten nach — sie begaben sich gemeinsam nach Holland in Richtung Echterbusch, machten die Gesuchten mit einer List im Wald ausfindig und überwältigten sie mit Verstärkung. Für ihren Einsatz erhielten sie später eine finanzielle Anerkennung.
Das ist ein hübsches Gegenstück zu Akte 075, wo die Zonengrenze im Harz einen Serienmörder jahrelang schützte, weil die Zuständigkeit an ihr endete. Hier hielt sich niemand daran. Zwei Beamte gingen einfach hinüber.
Der Blick, den er nicht aushielt
Vor Gericht saß die Witwe des Försters im Zeugenstand, Mutter von vier Kindern.
Der überlieferte Satz zu diesem Moment ist der einzige, der etwas über Wilhelm Paulsen als Person sagt: Er konnte ihr nicht in die Augen sehen.
Das ist wenig, und es ändert nichts. Aber es ist der Punkt, an dem in einem solchen Verfahren aus einer Feindbild-Erzählung wieder ein einzelner toter Mann wird — mit einer Frau und vier Kindern, die davon leben mussten.
Die Verteidigung setzte sich durch: Paulsen wurde zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt, nicht zum Tode. Theo François erhielt vier Jahre Gefängnis, und zwar wegen Diebstählen.
Für einen Mord an einem Beamten im Hinterhalt war das im Preußen um 1900 ein mildes Ergebnis. Womit die Verteidigung durchdrang, ist nicht überliefert.
Der Wald als Tatort
In diesem Archiv ist der Wald einer der häufigsten Tatorte, und die Eifel ist darin gut vertreten. Knapp zwei Jahrzehnte später erschoss dort der einarmige Johann Mayer fünf Menschen aus dem Hinterhalt (Akte 057).
Der Grund ist so banal wie zwingend: Im Wald gibt es keine Zeugen, keine Fenster, keine Straßenlaternen und keine Nachbarn. Wer dort stirbt, wird gefunden, wenn jemand denselben Weg geht — Stunden später oder Tage.
Und im Wald war jeder bewaffnet, der etwas mit ihm zu tun hatte. Der Förster von Berufs wegen, der Wilderer notgedrungen.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 079 auf Ebene IV. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht — dessen Schlussteil verschlüsselt ist.
Quellen 3
- Kriminalfälle aus der Eifel — Besprechung von Hans-Peter Pracht, Historische Kriminalfälle aus der Eifel, in: Blick aktuell vom 17. Dezember 2015 — Link
- Wikipedia: Hertogenwald — zur Lage und Geschichte des Waldgebiets — Link
- Hans-Peter Pracht: Historische Kriminalfälle aus der Eifel, Regionalia Verlag, 2015