Ein gewöhnliches Leben
Ursula Rabus wurde am 9. August 1809 in Dickenreishausen geboren, einem evangelischen Dorf bei Memmingen mit damals 372 Einwohnern. Ihr Vater war Kleinbauer; bei ihrer Geburt war er dreiundsechzig, die Mutter vierzig. Beide Eltern konnten ihren eigenen Namen nicht schreiben.
Sie besuchte acht Jahre lang regelmäßig die Schule. Der Pfarrer bescheinigte ihr nur mäßige Geistesgaben, aber ein vorzügliches Gedächtnis; als Kind galt sie als sehr liebenswürdig. Mit sechzehn wurde sie Dienstmagd.
1828, mit neunzehn, kam sie in Stellung bei einem Bauern namens Michael Rabus — mit ihr nicht verwandt, trotz des gleichen Namens. Sie begann ein Verhältnis mit dem wesentlich älteren Mann, der ihr nach ihren Angaben versprach, sich im Falle einer Schwangerschaft von seiner Frau Rosina scheiden zu lassen.
Rosina Rabus erfuhr davon. Ursula bekam daraufhin die schwersten Arbeiten auf dem Hof zugeteilt.
Die Heirat
Am Ostermontag 1833 heiratete Ursula den Pflasterer David Brandmüller aus Memmingen, einen Witwer mit drei Kindern und einer weiteren Tochter aus früherer Beziehung. Er suchte für die Kinder eine Mutter.
Ein sozialer Aufstieg war das nicht, aber eine solide Grundlage. Brandmüller besaß einen Hausanteil in der Krugstraße, nach Abzug der Schulden 120 Gulden wert, und eine relativ sichere Anstellung beim städtischen Bauhof. Im selben Jahr kaufte er noch einen Hopfengarten am Ulmer Tor.
Bemerkenswert ist, was sie mitbrachte: 100 Gulden Mitgift vom Bruder, 100 Gulden Erspartes aus ihrem Dienst — und 100 Gulden, die Michael Rabus ihr zur Aussteuer vermacht hatte. Dreihundert Gulden waren für eine Dienstmagd ein ansehnliches Vermögen.
Sie war also nicht arm und nicht verzweifelt. Die Nachbarn beschrieben sie als reinlich, höflich und zurückgezogen. Der Schwager hielt sie für eine schlechte Köchin. Den Stiefkindern stand sie eher gleichgültig gegenüber. Streit zwischen den Eheleuten war nicht bekannt. David Brandmüller galt in der Stadt als jemand, der gelegentlich zu viel trank.
Der Pakt
Wenige Tage nach der Hochzeit stand Michael Rabus in ihrer neuen Wohnung und bat, sie regelmäßig besuchen zu dürfen. Er versprach ihr 3.000 Gulden, die er beim geplanten Verkauf seines Hofes zu erlösen glaubte.
Sie entwarfen einen Plan, wie sie ihr Leben gemeinsam führen könnten. Ursula sollte ihren Mann mit Gift in der Suppe beseitigen. Rabus versprach, seine Frau Rosina auf dieselbe Weise zu töten.
Am 27. August 1833 übergab er ihr das Gift im Hopfengarten.
Zehn Jahre
An dieser Stelle steht in der Überlieferung ein Detail, das den ganzen Fall erklärt.
Eine Scheidung war auch damals möglich. Ursula Brandmüller hat sich danach erkundigt — bei ihrer Wohnungsnachbarin, einer geschiedenen Hebamme namens Ursula Stephan.
Die Auskunft lautete: zehn Jahre. So lange hatte das Verfahren im Fall der Nachbarin gedauert, vor weltlichem und kirchlichem Gericht, mit ungewissem Ausgang. Ein Scheidungsgrund wäre die unüberwindliche gegenseitige Abneigung gewesen — aber dass das evangelische Scheidungsrecht so ausgelegt werden konnte, war noch nicht allgemein bekannt.
Sie war vierundzwanzig Jahre alt und hatte gefragt, wie man aus einer Ehe herauskommt. Die Antwort war: in zehn Jahren, vielleicht.
Das entschuldigt nichts. David Brandmüller hatte vier Kinder, die zweimal verwaisten, und er starb, weil ihm jemand Arsenik in die Suppe rührte. Aber es beschreibt die Wahl, die ein solcher Fall im Jahr 1833 war: ein Jahrzehnt Verfahren mit ungewissem Ausgang — oder eine Morgensuppe.
Dieselbe Rechnung liegt mehreren Fällen dieses Archivs zugrunde. Was sie verbindet, ist nicht Grausamkeit, sondern die Unmöglichkeit, eine Ehe oder eine Stellung zu verlassen.
Der Vortag des Fischertags
Am 28. August 1833 war ganz Memmingen auf den Beinen: der Vortag des Fischertags, des traditionellen Stadtfests.
An diesem Morgen mischte Ursula Brandmüller ihrem Mann Arsen in die Suppe. Bei der Arbeit musste er sich viermal übergeben. Am nächsten Morgen gegen fünf Uhr war er tot.
Am 4. September starb in Dickenreishausen Rosina Rabus unter ungeklärten Umständen. In einem Dorf mit 372 Einwohnern war sofort klar, was geredet wurde: Jeder wusste, dass die Brandmüllerin bei Rabus gedient und ein Verhältnis mit ihm gehabt hatte.
Am 6. September, um halb fünf Uhr morgens, erhängte sich Michael Rabus an seiner Bettstatt.
Am 9. September ließ der Untersuchungsrichter Joseph Zeckl David Brandmüller um fünf Uhr früh exhumieren. Um zehn Uhr desselben Tages saß Ursula Brandmüller im Verhör. Am 15. September lag das Ergebnis der chemischen Untersuchung vor: Der Apothekenprovisor Creuzberg hatte Arsen im Magen nachgewiesen.
Rabus hatte sich drei Tage zuvor umgebracht — neun Tage bevor der Nachweis gelang. Gegen ihn ist nie etwas bewiesen worden.
Zwanzigtausend
Die Hinrichtung wurde auf Samstag, den 7. Juni 1834, festgesetzt, einen sommerheißen Tag. Drei Tage vorher eröffnete ihr Zeckl morgens um neun das endgültige Urteil.
Vorher geschah etwas Merkwürdiges. Am 1. Juni fand ein zwölfjähriger Junge auf dem Marktplatz ein Schreiben, in dem unverhohlen mit Brandstiftung gedroht wurde, sollten die Richter kein „gottesfürchtiges Urteil“ sprechen. An zwei weiteren Stellen der Stadt wurden Brandbriefe gefunden. Am Mittag des 6. Juni brannte es tatsächlich.
Was der Verfasser wollte, geht aus der Überlieferung nicht hervor. Ob er die Vollstreckung forderte oder Gnade — das Wort „gottesfürchtig“ lässt beides zu.
Die Behörden reagierten mit einem Aufgebot, das die Verhältnisse verdeutlicht: Feuerpatrouillen in der ganzen Stadt, 80 Mann Landwehr und 23 Gendarmen in Alarmbereitschaft, 100 Mann des 11. Linien-Infanterieregiments aus Kempten, vor der Frohnveste zusätzlich acht Gendarmen und 36 Reiter.
Am Morgen des 7. Juni passierte der Zug das Kempter Tor und erreichte zwischen neun und zehn Uhr den Richtplatz vor der Stadt. Etwa zwanzigtausend Menschen hatten sich versammelt — ein Vielfaches der Einwohnerschaft Memmingens.
Der Scharfrichter Leimer trennte mit einem Streich das Haupt vom Rumpf. Aus dem Publikum ertönte ein gedämpftes Bravo. Der Gehilfe zeigte den Kopf dem Volk und legte ihn dem Leichnam zu Füßen.
Danach hielt Pastor Köberlin eine Ermahnungsrede, die er vorher beim Gericht zur Prüfung und Genehmigung hatte vorlegen müssen. Ein Druckstück mit der Beschreibung ihrer Verbrechen wurde unter die Leute verteilt — in einer Auflage von 8.770 Exemplaren.
Es war die letzte öffentliche Hinrichtung in Memmingen.
Ihre Durchschnittlichkeit
Das Auffallendste an Ursula Brandmüller war, wie gewöhnlich sie war.
Der Untersuchungsrichter hat sie beschrieben, wie man damals Steckbriefe schrieb: einen Meter sechsundfünfzig groß, blondes Haar zum Zopf gebunden, blaue Augen, kleine Nase, gesunde Gesichtsfarbe, Backenhaube, wollenes Halstuch, schwarzer Rock, blaue Strümpfe.
Sie war keine Anna Margaretha Zwanziger und keine Gesche Gottfried (Akte 001), die über Jahre töteten und immer weitermachten. Sie hat einmal getötet, aus einem Grund, den sie benennen konnte, und wurde binnen elf Tagen überführt.
Verteidigt wurde sie von dem einunddreißigjährigen Advokaten Josef Anton Wibmer aus München.
Die Akte, die nicht ins Archiv durfte
Der Fall hat ein Nachspiel, das fast neunzig Jahre später spielt.
Im Februar 1921 bat der sozialdemokratische Stadtrat Dannecker, der im Verwaltungsrat des Memminger Museums und Archivs saß, den Präsidenten des Landgerichts, die Akte Brandmüller dem Stadtarchiv zu überlassen.
Landgerichtspräsident Barth lehnte ab. Seine Begründung: Er befürchte, der Inhalt der Akten könne „in einer der Allgemeinheit nicht dienlichen Weise“ in die Tagespresse gelangen.
Ein Richter im Jahr 1921 hielt einen Kriminalfall von 1833 für zu heikel, um ihn ins Stadtarchiv zu geben. Deshalb liegt die Akte bis heute im bayerischen Staatsarchiv in Neuburg an der Donau.
Dass 1834 achttausendsiebenhundertsiebzig gedruckte Exemplare der Tatbeschreibung unter zwanzigtausend Zuschauern verteilt worden waren, hat ihn dabei offenbar nicht gestört. Die Obrigkeit hatte den Fall selbst zum Massendruck gemacht — sie wollte nur die Deutungshoheit darüber behalten.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 082 auf Ebene IV. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht — dessen Schlussteil verschlüsselt ist.
Quellen 4
- Wikipedia: Ursula Brandmüller (nach Paul Hoser, Der Kriminalfall Ursula Brandmüller in Memmingen 1833–1834, Memminger Geschichtsblätter 1997–2000, S. 74) — Link
- Udo Bürger: Historische Kriminalfälle in Franken und Schwaben von 1815 bis 1936, Regenstauf 2018 (Kapitel „Die Gattengiftmörder Michael Rabus und Ursula Brandmüller, 1833“) — Link
- Stadt Memmingen: Krimi-Stadtführung — der Mordfall Brandmüller — Link
- Paul Hoser: Die Geschichte der Stadt Memmingen — Vom Neubeginn im Königreich Bayern bis 1945, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2001