Der letzte Vorhang

Stuttgart, Württemberg · 1910 · Akte 086
StartLösungenAkte 086 › Der wahre Fall
Sie hatte die Beziehung ein Jahr zuvor beendet. Er verschaffte sich gewaltsam Zutritt zu ihrer Wohnung. Erinnert wird der Fall bis heute unter dem Namen ihrer Bühnenrolle.
Ort und ZeitStuttgart, Württemberg, 1910
TatwaffePISTOLE
Täter / TäterinAloys Obrist (Suizid nach der Tat)
Im BuchAkte 086, Ebene IV — EXPERTE

Wer sie war

Anna Sutter wurde am 26. November 1871 im schweizerischen Wil geboren, studierte Klavier und Gesang in Bern und München und hatte ab 1893 ein festes Engagement am Stuttgarter Hoftheater.

Sie wurde zum Publikumsliebling. Der Intendant band sie auf Dauer an Stuttgart. Eine Zeitschrift lobte 1901 ihren realistisch-naturalistischen Darstellungsstil und ihre „frische, glockenreine Stimme“. Ihre Rollen waren Hanna Glawari in der *Lustigen Witwe*, die Carmen und die Salome — deren Schleiertanz sie als eine der ersten Sängerinnen ihrer Zeit selbst ausführte. 1906 wurde sie zur Kammersängerin ernannt.

Sie war ein Star, und zwar im modernen Sinn: Von kaum einer Sängerin ihrer Zeit gibt es so viele Fotografien.

Sie hatte zwei Kinder von zwei verschiedenen Männern, ohne verheiratet zu sein — 1900 die Tochter Mathilde, 1902 den Sohn Felix. Beide Vaterschaften wurden erst lange danach geklärt: die eine 1925, die andere erst 2001. Ihre Liebesbeziehungen standen in den Zeitungen.

Das ist wichtig für alles Folgende. Eine Frau, die ihren Beruf hatte, ihr eigenes Geld verdiente, sich ihre Beziehungen aussuchte und Kinder ohne Ehemann bekam, war 1910 keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Ärgernis.

Der 29. Juni 1910

Aloys Obrist war königlich-württembergischer Hofkapellmeister und Bruder des Jugendstil-Künstlers Hermann Obrist. Mit Anna Sutter hatte er eine Beziehung, die sie 1909 nach zwei Jahren beendete.

Am 29. Juni 1910 verschaffte er sich gewaltsam Zutritt zu ihrer Wohnung und erschoss sie mit zwei Schüssen. Danach tötete er sich selbst.

In der Wohnung befand sich noch ein weiterer Mensch: der Opernsänger Albin Swoboda junior, ihr damaliger Lebensgefährte. Er konnte die Tat nicht verhindern.

An der Beerdigung nahmen zehntausend Menschen teil.

Dasselbe Muster, siebenundachtzig Jahre später

Dieser Fall steht nicht allein in diesem Archiv, und der Vergleich ist aufschlussreich.

1823 tötete in Würzburg ein ehemaliger Sergeant und Kanzleischreiber die Weinwirtstochter, die ihre Beziehung mit ihm beendet hatte — nachdem er seine Gründe aufgeschrieben, Waffen mitgenommen und einen letzten Aussöhnungsversuch unternommen hatte. Er wollte sich danach selbst töten, überlebte und wurde enthauptet (Akte 080).

1910 tötet in Stuttgart ein Hofkapellmeister die Kammersängerin, die ihre Beziehung mit ihm beendet hatte, dringt dafür in ihre Wohnung ein und tötet sich danach selbst.

Siebenundachtzig Jahre, zwei Gesellschaftsschichten, zwei völlig verschiedene Milieus — und derselbe Ablauf. Zwischen einem Dolch im Wirtshaus und einer Pistole in einer Stuttgarter Wohnung liegt technisch alles und strukturell nichts.

Was sich geändert hatte, war die Beschreibung. 1823 hieß der Fall „Verschmähte Liebe“. 1910 hieß er „Künstlertragödie“.

Warum „Carmen“ die falsche Überschrift ist

Der Fall wird bis heute unter dem Titel *Carmen — letzter Akt* geführt. Unter diesem Namen lief 2001 die Ausstellung des Staatsarchivs Ludwigsburg, die den Fall wissenschaftlich aufgearbeitet hat.

Der Titel greift eine Deutung auf, die schon 1910 in der Luft lag. Er ist naheliegend: Carmen war ihre berühmteste Rolle, und in Bizets Oper ersticht Don José die Frau, die ihn verlässt.

Aber genau darin liegt das Problem. Die Oper macht aus diesem Vorgang eine Tragödie der Leidenschaft, in der beide Figuren ihrem Schicksal folgen und in der die Getötete durch ihre Unabhängigkeit an ihrem Ende mitwirkt. Wer diesen Rahmen über einen tatsächlichen Mord legt, verwandelt eine Frau, die in ihrer Wohnung erschossen wurde, zurück in eine Rolle — und den Täter in einen Don José.

Anna Sutter war nicht Carmen. Sie war eine achtunddreißigjährige Sängerin mit zwei Kindern, die eine Beziehung beendet hatte und ein Jahr später dafür getötet wurde.

Dieselbe Bewegung hat dieses Archiv drei Jahre zuvor in Ostpreußen beobachtet: Dort schoss ein Hauptmann, gestand und brachte sich um — und in der Literatur heißt die Frau, gegen die nie etwas bewiesen wurde, bis heute der „Weibsteufel von Allenstein“ (Akte 077).

Es ist bemerkenswert, wie zuverlässig in solchen Fällen ein Bild bereitsteht, das die Frau zur Ursache macht.

Was Stuttgart tat

Die Stadt hat sich anders verhalten, als man erwarten würde, und das gehört zu diesem Fall dazu.

1914 schuf der Stuttgarter Professor Karl Donndorf zum Gedenken an Anna Sutter den Schicksalsbrunnen im Jugendstil. Er stand bis 1963 vor dem Künstlereingang des Staatstheaters und wurde dann vor das Gebäude versetzt. Er steht dort bis heute.

Städte errichten Denkmäler für Kriegstote, für Fürsten und für Künstler. Für Mordopfer fast nie. Stuttgart hat für Anna Sutter einen Brunnen gebaut — vier Jahre nach der Tat, vor dem Haus, in dem sie gearbeitet hatte.

Ihr Grab liegt auf dem Pragfriedhof. Bis Ende der sechziger Jahre wurde es täglich von einem unbekannten Verehrer mit frischen Blumen geschmückt. Man nimmt an, dass es Albin Swoboda junior war — der Mann, der 1910 in der Wohnung gewesen war und die Tat nicht hatte verhindern können. Er starb 1970.

Das sind ungefähr sechzig Jahre.

Der Fall im Buch

Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 086 auf Ebene IV. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht — dessen Schlussteil verschlüsselt ist.

Zur BeweislageDer Tathergang ist unstrittig; ein Verfahren gab es wegen des Suizids des Täters nicht. Dass der unbekannte Blumenspender Albin Swoboda junior war, ist eine begründete Annahme, kein Beleg. Zu Aloys Obrists Beweggründen liegt nichts Gesichertes vor; alle Deutungen dazu stammen aus der zeitgenössischen Presse und der späteren Literatur.
Quellen 4
  1. Wikipedia: Anna Sutter — Link
  2. Landesarchiv Baden-Württemberg: Carmen — letzter Akt. Die Künstlertragödie Sutter–Obrist von 1910 und die Stuttgarter Oper um 1900 (Ausstellung des Staatsarchivs Ludwigsburg, kuratiert von Georg Günther) — Link
  3. Tod einer Diva, Neue Zürcher Zeitung — Link
  4. Georg Günther: Carmen — letzter Akt. Begleitband und Katalog zur Ausstellung des Staatsarchivs Ludwigsburg und des Stadtarchivs Stuttgart, Ludwigsburg 2003
Onlinequellen abgerufen am 31. Juli 2026.

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