Was belegt ist
Wilhelm Hurrelbrink, geboren 1865, war Neubauer in Dielingen im Kreis Lübbecke.
1892 beging er einen Raubmord.
Am 27. Mai 1892 verurteilte ihn das Schwurgericht Bielefeld zum Tode. Am 16. September 1892 wurde er im Hof des Bielefelder Gerichtsgefängnisses mit dem Handbeil enthauptet. Er war sechsundzwanzig oder siebenundzwanzig.
Über Opfer, Tathergang und Motiv ist nichts überliefert.
Neubauer
Ein Wort in dieser Zeile lohnt eine Erklärung, weil es eine soziale Lage bezeichnet und keinen Beruf im heutigen Sinn.
„Neubauer“ hieß in Westfalen im 19. Jahrhundert ein Siedler auf Land, das aus der Aufteilung der alten Gemeinheiten hervorgegangen war. Über Jahrhunderte hatten Dörfer gemeinsam genutzte Flächen besessen — Heide, Weide, Wald. Im Lauf des 19. Jahrhunderts wurden diese Marken aufgeteilt und in Privatbesitz überführt.
Wer dabei Land bekam, ohne vorher einen Hof zu haben, wurde Neubauer. Es war meist der schlechteste Boden, es war wenig davon, und es reichte in der Regel nicht zum Leben. Neubauern arbeiteten nebenher als Tagelöhner, Heuerlinge oder Wanderarbeiter.
Das ist Hintergrund, nicht Erklärung. Es ist über diesen Mann nichts bekannt außer seinem Namen, seinem Geburtsjahr, seinem Status und seinem Ende. Warum er tötete, weiß niemand.
Knapp vier Monate
Vom Todesurteil bis zur Vollstreckung vergingen einhundertzwölf Tage.
In dieser Zeit musste das Urteil rechtskräftig werden und die Entscheidung über eine Begnadigung fallen — im Königreich Preußen lag sie beim Kaiser als König von Preußen, damals Wilhelm II.
Zum Vergleich: Ernst Reins wartete nach seinem Todesurteil siebzehn Monate, weil Preußen in der Weimarer Republik faktisch nicht mehr vollstreckte (Akte 071). Der Unterschied liegt nicht im Recht — der Straftatbestand und die Strafdrohung waren dieselben —, sondern allein in der Gnadenpraxis.
Der Mann mit dem Handbeil
Vollstreckt wurde das Urteil vom Scharfrichter Friedrich Reindel aus Magdeburg. Über ihn ist mehr bekannt als über den Mann, den er enthauptete, und weil dieses Archiv der Vollstreckung durch fünf Jahrhunderte folgt, gehört er hierher.
Reindel wurde 1824 in Werben an der Elbe geboren, als siebtes Kind eines Scharfrichters und Abdeckers. Taufpate war der preußische König Friedrich Wilhelm III., der die Vornamen des Kindes selbst bestimmte.
Das ist der ganze Widerspruch dieses Berufs in einem Satz. Scharfrichter galten jahrhundertelang als „unehrlich“; man mied ihre Berührung, sie heirateten untereinander, ihre Kinder blieben im Gewerbe. Und derselbe Stand hatte einen König zum Paten.
Ab 1842 arbeitete Reindel als Gehilfe seines älteren Bruders Wilhelm, der später Scharfrichter des Norddeutschen Bundes wurde. Nach eigenen Angaben assistierte er ihm bei vierzig Hinrichtungen. Als der Bruder 1872 starb, übernahm er.
Zwischen 1874 und 1898 vollstreckte Friedrich Reindel mindestens 212 Todesurteile in ganz Norddeutschland — zweimal doppelt, einmal dreifach und am 21. Mai 1898 in Duisburg vierfach. 1889 wurde er preußischer Scharfrichter, nachdem sein Vorgänger Julius Krautz in den Ruhestand geschickt worden war, weil er bei einer Wirtshausschlägerei einen seiner eigenen Gehilfen getötet hatte.
Reindel führte ein Tagebuch. Darin listete er 196 Hinrichtungen auf — nämlich die tadellos vollzogenen.
Man muss diesen Satz zweimal lesen. Ein Mann, der über zweihundert Menschen enthauptet hat, führte Buch über seine Handwerksqualität. Er konstruierte außerdem, wie es in der Begründung heißt, „behufs humanerer, schnellerer und sicherer Ausführung der Exekution“ eine eigene Richtbank, die er 1883 erstmals verwendete.
Eine Zeitschrift beschrieb ihn 1875 als stattlichen Mann mit blassem Gesicht, aus dem weit eher Gutmütigkeit als Hartherzigkeit spreche.
1898 hörte er auf; er hatte rheumatische Beschwerden im Arm. Er starb 1908 in Magdeburg.
Eine Familie, ein Jahrhundert
Der Fall Hurrelbrink ist nur eine Zeile. Aber über den Namen des Vollstreckers hängt er an einer Linie, die dieses Archiv von einem Ende zum anderen durchzieht.
Friedrich Reindels Sohn Wilhelm folgte ihm im Amt und wurde 1901 wegen anhaltender Trunkenheit entlassen. Sein Enkel Ernst Reindel war Scharfrichter im Nationalsozialismus.
Und der Ort Magdeburg bleibt. 1892 fuhr Friedrich Reindel von dort nach Bielefeld. 1902 kam der Scharfrichter Engelhardt aus Magdeburg nach Altenburg, um an einem Morgen drei Menschen zu enthaupten (Akte 093). 1933 reiste Carl Gröpler aus Magdeburg mit dem Zug nach Berlin, sein Handbeil im Gepäck, und vollzog in Plötzensee die ersten Hinrichtungen des NS-Staates (Akte 071 und Akte 072).
Die deutschen Staaten hatten keine eigenen Henker mehr. Sie hatten Adressen, an die man schrieb.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 096 auf Ebene IV. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht — dessen Schlussteil verschlüsselt ist.
Quellen 4
- Wikipedia: Liste im Deutschen Reich hingerichteter Personen (Eintrag Wilhelm Hurrelbrink) — Link
- Wikipedia: Friedrich Reindel (nach Matthias Blazek) — Link
- Matthias Blazek: „Herr Staatsanwalt, das Urteil ist vollstreckt.“ Die Brüder Wilhelm und Friedrich Reindel — Scharfrichter im Dienste des Norddeutschen Bundes und Seiner Majestät 1843–1898, ibidem-Verlag, Stuttgart 2011
- Matthias Blazek: Scharfrichter in Preußen und im Deutschen Reich 1866–1945, ibidem-Verlag, Stuttgart 2011