Der 7. November 1911
Richard Wilhelm Ellermann war Polizeisergeant in Herzebrock in Westfalen. Am Abend des 7. November 1911 war er drei Einbrechern auf der Spur, als auf der Gütersloher Chaussee auf ihn geschossen wurde. Anschließend trafen ihn Schläge mit einem fünfzig Zentimeter langen Meißel. Er starb noch am selben Abend im St.-Josephs-Hospital.
In der Gegend heißt der Fall bis heute der Meißel-Mord von Herzebrock.
Es gibt eine Fotografie vom nächsten Tag: Das Fahrrad liegt noch am Wegesrand, daneben ein Hut. Im Hintergrund hat sich ein Zeuge auf den Boden gelegt, um den genauen Fundort anzuzeigen.
Ellermann war eigentlich gelernter Schneidermeister, hatte seinen Wehrdienst bei den Bückeburger Jägern gemacht und war auf der Polizeischule Recklinghausen ausgebildet worden. Seit 1909 versah er den Posten in Herzebrock. Unterwegs war er mit Fahrrad und Säbel.
Er hinterließ eine Frau und vier kleine Kinder.
Elf Tage
Die Täter waren die Brüder Alex und Anton Stadtkowitz aus Gelsenkirchen-Schalke — Alex geboren am 4. September 1886, Anton am 7. Juni 1888 — und ihr Komplize Johann Wielich.
Sie tauchten unter. Was danach folgte, war für das Jahr 1911 eine bemerkenswert moderne Fahndung: Fahndungsplakate, Fotografien in der Presse, Spürhunde. Von der eingesetzten Polizeihündin „Draga von der Lippe“ existiert noch eine Aufnahme.
Nach elf Tagen fand man die drei in einem unterirdischen Gangsystem in einer Mergelgrube bei Borken. Was dort geschah, nannte die Presse einen wilden Revolverkampf: Polizei und bewaffnete Bürger lieferten sich unter Tage ein Gefecht mit den Gesuchten.
Der Historiker Norbert Ellermann, der den Fall aufgearbeitet hat, sieht darin den Beginn der modernen Polizeiarbeit. Das trifft zu — und es passt in ein Jahrzehnt, in dem sich die deutsche Kriminalistik grundlegend änderte. Sieben Jahre zuvor war in Frankfurt zum ersten Mal in Deutschland ein Täter über seinen Fingerabdruck überführt worden (Akte 089).
Bis zum Kaiser
Das Schwurgericht Bielefeld verurteilte die Brüder am 23. April 1912 wegen Mordes zum Tode.
Ihre Anwälte legten Revision ein — wegen einer geringfügigen Unkorrektheit in den Prozessakten. Sie wurde verworfen. Der Fall ist deshalb nicht nur bei den Bielefelder Gerichten aktenkundig, sondern auch beim Reichsgericht in Leipzig.
Damit lag die Entscheidung über die Begnadigung bei Kaiser Wilhelm II. Er lehnte ab. Nach der Aufarbeitung Norbert Ellermanns war dafür maßgeblich, dass das Opfer ein Staatsdiener gewesen war.
Am 24. Oktober 1912 wurden Alex und Anton Stadtkowitz im Hof des Bielefelder Landgerichtsgefängnisses hingerichtet.
Ein Vergleich lohnt. Elf Jahre zuvor hatte im Hertogenwald ein Wilderer einen Förster aus dem Hinterhalt erschossen — ebenfalls einen uniformierten Beamten des preußischen Staates. Dort setzte sich die Verteidigung durch, und der Schütze bekam lebenslanges Zuchthaus (Akte 079).
Dasselbe Recht, derselbe Monarch, zwei getötete Staatsdiener, zwei verschiedene Ausgänge. Wie in fast allen Fällen dieses Archivs entschied nicht die Schwere der Tat, sondern das, was im Verfahren daraus wurde.
Was das Dorf tat
Ein Teil dieser Geschichte hat mit dem Verbrechen nichts zu tun und gehört trotzdem dazu.
Weil Richard Ellermann erst kurz im Polizeidienst gewesen war, war er noch nicht pensionsberechtigt. Die Rentenzahlung an seine Witwe und die vier kleinen Kinder verzögerte sich — sie wurde später doch verfügt, aber zunächst standen sie ohne da.
Die Bürger von Herzebrock sammelten Geld für die Familie. Ein Fünftel der Summe steuerte eine Firma bei, die zwölf Jahre zuvor im Ort gegründet worden war und heute jeder kennt: Miele.
Sein Nachfolger auf dem Posten wurde 1912 sein jüngerer Bruder Karl Ellermann.
„In den Archiven liegt die Wahrheit“
Dieser Fall hat in diesem Archiv eine besondere Stellung, und zwar wegen dessen, was hundert Jahre später geschah.
Dieses Archiv hat in vielen seiner Fälle festhalten müssen, dass vom Getöteten nichts geblieben ist. Ein Nachtwächter ohne Vornamen (Akte 073). Achtzehn namenlose Tote in einem Zugwrack (Akte 078). Ein Geselle, von dem nur der Name überliefert ist (Akte 083). Der Grund ist immer derselbe: Was Akten erzeugt, ist das Verfahren gegen den Täter. Für das Opfer ist niemand zuständig.
Hier war jemand zuständig.
Norbert Ellermann, Historiker aus Rheda-Wiedenbrück, ist ein Urgroßneffe des ermordeten Sergeanten. Zehn Jahre lang hat er im Gemeindearchiv Herzebrock-Clarholz und im Landesarchiv Detmold, bei den Bielefelder Gerichten und beim Reichsgericht gesucht. 2015 legte er das Ergebnis als sechzigseitiges Heft vor: *Tatort Herzebrock 1911*.
Bei der Vorstellung sagte er einen Satz, der erklärt, warum er es getan hat: „Das hier, das ist meine Familie.“ Und einen zweiten, der für dieses ganze Projekt gilt: In den Archiven liegt die Wahrheit.
Der Zusatz stimmt allerdings auch: Sie muss ans Licht. Von allein kommt sie nicht.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 098 auf Ebene IV. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht — dessen Schlussteil verschlüsselt ist.
Quellen 4
- Rolf Birkholz: Der Meißel-Mord von Herzebrock — Historiker Norbert Ellermann rollt einen Kriminalfall von 1911 wieder auf, Neue Westfälische vom 13. Dezember 2015 — Link
- Ein Mord von 1911 fesselt noch heute, Die Glocke — Link
- Wikipedia: Liste im Deutschen Reich hingerichteter Personen (Einträge Alex und Anton Stadtkowitz) — Link
- Norbert Ellermann: Tatort Herzebrock 1911. Ein Blick in die Geschichte der modernen Polizeiarbeit (Heimatkundliche Beiträge, Folge 23), hg. von der Volksbank Bielefeld-Gütersloh, 2015