Der 16. Oktober 1907
Pauline Scholz war Händlerin in Hirschberg in Schlesien, dem heutigen Jelenia Góra.
In ihrem Haus wohnte als Untermieter der Arbeiter Wendelin Schäffer. Am 16. Oktober 1907 vergiftete sie ihn, um an sein Geld zu kommen.
Zunächst hielt man den Tod für natürlich. Erst der Verdacht aus der Nachbarschaft, eine Exhumierung und der Giftnachweis brachten die Sache auf.
Am 30. April 1908 wurde Pauline Scholz im Gerichtsgefängnis Hirschberg mit dem Handbeil enthauptet.
Der Schlafgänger
Um zu verstehen, warum Wendelin Schäffer in diesem Haus wohnte, muss man wissen, wie im Kaiserreich gewohnt wurde.
Die Industrialisierung hatte in wenigen Jahrzehnten Millionen Menschen in die Städte gezogen, und Wohnraum gab es nicht annähernd genug. Die Antwort darauf war die Untervermietung: Arbeiterfamilien nahmen Fremde in ihre Wohnung auf. Wer nur ein Bett mietete, hieß Schlafgänger; in den Ballungsräumen wurden Betten sogar schichtweise vergeben.
Ein alleinstehender Arbeiter lebte damit in einem Haushalt, zu dem er nicht gehörte. Er schlief dort, er aß meist mit, er bewahrte dort auf, was er besaß — und er hatte niemanden im Haus, der zu ihm gehörte.
Das ist die verwundbarste Stellung, die man einnehmen kann: innerhalb eines Haushalts, aber ohne Familie darin.
In diesem Archiv steht dieselbe Grundfigur mehrfach. Willi Kimmritz und Carl Großmann suchten sich Menschen, die niemand sofort vermisste (Akte 066, Akte 010). Irmgard Swinka sprach gezielt ältere, alleinstehende Frauen in einfachen Verhältnissen an, weil die ihr das geringste Misstrauen entgegenbrachten (Akte 074).
Hier musste niemand suchen. Der Mann wohnte bereits im Haus.
Warum Giftmorde auffliegen
Dieser Fall schließt eine Reihe, die sich durch das ganze Archiv zieht, und das Muster ist erstaunlich stabil.
Ein Giftmord wird fast nie durch die erste ärztliche Feststellung aufgedeckt. Er wird aufgedeckt, wenn jemand darauf besteht, nachzusehen.
1833 in Memmingen ließ ein Untersuchungsrichter den Toten neun Tage nach der Beerdigung um fünf Uhr morgens ausgraben (Akte 082). 1860 in Thüringen wurde ein Sarg zehn Wochen nach der Bestattung geöffnet; der Leichnam war nicht verwest, weil Arsenik die Zersetzung hemmt (Akte 070). 1900 am Teufelssee lautete die erste Todesursache auf Erfrieren — Strychnin fand man erst nach der Exhumierung (Akte 088). 1913 gelang in Frankfurt erstmals der Nachweis des Giftes in den Knochen (Akte 053).
Und 1907 in Hirschberg dasselbe: ein unauffälliger Tod, ein Verdacht aus der Nachbarschaft, ein geöffnetes Grab.
Man kann daraus zweierlei lesen. Erstens: Wie viele Giftmorde nie auffielen, weiß niemand — die Dunkelziffer dieser Tatform ist systematisch hoch, weil sie wie eine Krankheit aussieht. Zweitens: Was die Fälle aufklärte, war nie die Wissenschaft allein. Es war immer erst das Misstrauen von Nachbarn, Verwandten oder Ärzten, das die Wissenschaft überhaupt in Gang setzte.
Frauen und das Beil
Im Kaiserreich wurden nur wenige Todesurteile gegen Frauen vollstreckt.
Wenn es geschah, ging es fast immer um Gift. Dieses Archiv enthält Gesche Gottfried (Akte 001), Ursula Brandmüller (Akte 082), Marie Sophie Göbner (Akte 070), Barbara Schäfer (Akte 081), Emma Lina Seifert (Akte 093) und nun Pauline Scholz.
Das ist kein Zufall und auch keine Aussage über Frauen. Es ist eine Aussage über Zugang. Gift verlangte keine Kraft und keine Waffe, sondern nur die Verfügung über das Essen — und über das Essen verfügte im 19. Jahrhundert die Frau des Hauses. Wer kochte, hatte täglich Gelegenheit; wer nicht kochte, hatte sie nie.
Dieselbe Rechnung erklärt, warum Männer in diesem Archiv erschlagen, erschossen und erstochen haben. Beide Geschlechter griffen zu dem, was in ihrer Reichweite lag.
Die letzte Akte
Mit dieser Akte endet das MORDARCHIV.
Es beginnt mit Gesche Gottfried, der bekanntesten Giftmörderin der deutschen Geschichte, hingerichtet 1831 vor Tausenden auf dem Bremer Domshof, mit einem Pflasterstein, der bis heute an sie erinnert.
Es endet mit Pauline Scholz, von der niemand je gehört hat, hingerichtet 1908 in einem Gefängnishof in einer schlesischen Stadt, die heute anders heißt.
Zwischen beiden liegen siebenundsiebzig Jahre und siebenundneunzig weitere Fälle, und man kann an ihnen fast die ganze deutsche Rechtsgeschichte dieser Zeit ablesen: das Rad in Göttingen 1828, das Ende der öffentlichen Hinrichtungen, das Fallbeil, die Fingerabdrücke, die Weimarer Gnadenpraxis, Plötzensee, und schließlich vier Wörter im Grundgesetz.
Was die Akten selten überliefern, sind die Namen derer, die getötet wurden. Dieses Archiv hat versucht, sie zu nennen, wo sie bekannt sind, und festzuhalten, wo sie es nicht sind.
Der letzte heißt Wendelin Schäffer. Er war Arbeiter, er hatte etwas gespart, und er hatte ein Zimmer im falschen Haus.
Der Fall im Buch
Im MORDARCHIV steht dieser Fall als Akte 099 auf Ebene IV. Aus dem Buchstabengitter ergibt sich die Tatwaffe, aus den übrig gebliebenen Buchstaben der Ermittlungsbericht — dessen Schlussteil verschlüsselt ist.
Quellen 1
- Wikipedia: Liste im Deutschen Reich hingerichteter Personen (Eintrag Pauline Scholz) — Link